Responsive image

musiK

Gilad Atzmon

Enja/Soulfood TIP 888848
(50 Min.) 1 CD

Gilad Atzmon ist der wahrscheinlich widersprüchlichste und provokanteste Jazzmusiker unserer Tage. Die unverhohlene und zum Teil ins bewusst Geschmacklose abgleitende Parteinahme des in London lebenden Exil-Israelis für Palästina löst regelmäßig heftigen Widerspruch aus (nachzulesen auch im RONDO-Leserbrief-Forum). Dem politischen Überbau, den der Saxofonist seinen Kompositionen aufpfropft, steht allerdings eine Musik gegenüber, die keiner Diskussionen bedarf. Weil sie in ihrer Unberechenbarkeit ziemlich großartig ist.
So auch hier. Atzmons "musiK" entpuppt sich als Überraschungspaket, das unter anderem einen larmoyanten Bolero beinhaltet, hysterische Zirkusmucke, Kaffeehausstreicher-Blues, eine balkanisierte Version von "Lili Marleen", Coltrane'schen Furor, ein böses Liebesgedicht, klezmerisierten Tango Nuevo sowie jede Menge Zitate aus Jazz- und Schlagerwesen.
"Re-arranging the 20th Century" lautet der gemeinsam mit dem britischen Rock-’n’-Roll-Querkopf Robert Wyatt erarbeitete CD-Titel. Und damit wären wir auch schon mitten drin in Atzmons Höranleitung. Diese Aufnahme, lernt man in den Liner Notes, sei ein Protest gegen die kapitalistische Inanspruchnahme der Musik im 20. Jahrhundert. Inzwischen sei jeder Takt doch bloß auf seine Vermarktbarkeit reduziert, schreibt Atzmon. In welcher Weise er diesen Umstand mit seinen umtriebigen Jazzpatchworkarbeiten zu ändern gedenkt, erfährt man von dem ironischen Agitator nicht. Also: Augen zu und durch(hören).

Josef Engels, 12.02.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top