Am 8. Oktober 1953 erlag Kathleen Ferrier im Alter von nur 41 Jahren einem Krebsleiden. Damit verstummte allzu früh eine der ganz unverwechselbaren Stimmen des 20. Jahrhunderts; zahllosen Menschen hat Kathleen Ferrier unvergessliche musikalische Erlebnisse beschert, und viele, die sie gehört haben, schwärmten von ihrer beeindruckenden Ausstrahlung nicht nur als Sängerin, sondern auch als Mensch.
Lauscht man heute Ferriers Aufnahmen, ohne sie jemals live erlebt zu haben, dann hört man viel Zeittypisches in ihrem Gesang: Selbstverständlich gestaltete sie barockes Repertoire wie Händels "He was despised" oder Bachs "Agnus Dei" aus der H-moll-Messe auf für unsere an der Historischen Aufführungspraxis geschulten Ohren sehr pastose Weise. Beim deutschen Lied-Repertoire, das sie sehr liebte, fällt das häufig sehr unidiomatische Deutsch unangenehm auf. Insgesamt klingt ihre Stimme vergleichsweise schwerfällig, ihre Technik funktioniert nicht immer ganz reibungslos, und hier und da gibt es auch Intonationsprobleme. Und dennoch: Es geht ein Zauber von ihrem Gesang aus, dem man nur schwer widerstehen kann. Ferriers 1952 entstandene Einspielung dreier Rückert-Lieder von Gustav Mahler dokumentiert ihre große Liebe zur Musik des Österreichers: Jedes Wort, jede Phrase ist hier tief empfunden und mit unprätentiöser Ehrlichkeit gestaltet. Nicht anders verhält es sich aber auch mit jener Reihe englischer Volkslieder, die sie 1949 mit Phyllis Spurr einspielte: Auf eigenartige Weise wachsen diese harmlosen kleinen Gesänge über sich hinaus, indem Kathleen Ferrier sich ihrer annimmt. Was war das Geheimnis dieser Sängerin? Vielleicht stillte sie in den öden Kriegs- und Nachkriegjahren ein kollektives Bedürfnis nach Wärme, Menschlichkeit und echter Mitleidensfähigkeit und wurde so für viele Kollegen und für ihr Publikum zu einer strahlenden Lichtgestalt. Ist man sensibel für solche Zusammenhänge, dann kann man diese Wirkung an Hand ihrer Aufnahmen auch heute noch erleben.

Michael Wersin, 08.11.2003



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