Der amerikanische Regisseur Peter Sellars ist für seine Aktualitätsbezüge berühmt. Gefürchtet ist er deswegen aber längst nicht mehr. Denn Sellars schafft es tatsächlich, selbst seine schwarz-weißesten Glaubenskontraste wie aus einem Guss zu inszenieren. Was nicht zuletzt an dem Nuanenreichtum aus Mimik und Gestik liegt, den Sellars selbst jedem einzelnen Chormitglied solange antrainiert, bis zwischen Musik und Libretto kein Blatt mehr passt. Womit jenes Identifikationsmodell in Orginalgröße entstehen kann, bei dem sich Brecht im Grabe umdrehen würde. Dass Sellars sich mittlerweile zu einem wahren, sanften Kreuzritter entwickelt hat, ist kein Geheimnis mehr. Wie er aber 1996 beim Glyndebourne-Festival Händels vorletztes Oratorium an die Hand nahm, es ins 20. Jahrhundert überführte, um dann vor ihm auf die Knie zu sinken, hatte in seiner simplen Radikalität schon einen gehörigen Überraschungswert. Der christlichen Märtyrerin Theodora stellt Sellars den dauergrinsenden Valens gegenüber - als ein amerikanischer Präsident, der mal zu tief ins Glas schaut und nach einem Schwächeanfall weiterhin heimische Errungenschaften wie die Koffeinbrause von schwerbewaffneten Soldaten in ihren orangen Overalls verteidigen lässt. Und weil ihm diese Theodora-Sekte dabei natürlich mehr als ein Dorn im Auge ist, wird Anführerin nebst Überläufer Didymus auf einer Todesliege festgeschnallt, gekreuzigt.
Auf den ersten Blick ist diese Grobkörnigkeit, mit der Sellars Händels auch nicht gerade raffiniert angelegtes Oratorium ausmisst, durchaus gewöhnungsbedürftig. Zumal das pure Religionspathos da überhöht wird, wenn Dawn Upshaw in der Titelrolle mit aufgerissen Augen den Himmel anschmachtet. Doch es ist eben diese sängerische und schauspielerische Selbstverständlichkeit und Intensität, mit der das durchweg fantastische Sängerensemble ihrem Regie-Herrn überall hin folgt. Schmerz, Hoffnung, Sehnsucht - die gesamte Palette menschlicher Regungen wird hörbar und dank der von Sellars akribisch dirigierten Kameras sichtbar. Weshalb man in solchen Wunderarien wie "As with rosy steps the morn" dem Seelenbalsam der Irene (Lorraine Hurt) ganz nah ist. Während Richard Croft als rasender Septimius sich vor Verzweiflung das letzte Haupthaar raus singt. Leider waren die Produzenten dieser DVD wohl von Sellars Team sowie von der gewohnten Verve und Ausdrucksfülle William Christies so begeistert, dass sie gar nicht mehr an ein Booklet denken konnten.

Guido Fischer, 04.09.2004



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