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Georg Friedrich Händel, Antonio Caldara

Dixit Dominus, Missa Dolorosa

Balthasar-Neumann-Chor, Balthasar-Neumann-Ensemble, Thomas Hengelbrock

DHM/BMG 82876 58792-2
(63 Min., 3/2003) 1 CD

Die historisierende Aufführungspraxis hat dankenswerterweise, daran kann kein Zweifel bestehen, eine unerträglich betuliche, schwülstige und hinsichtlich der musikalischen Rhetorik gänzlich inadäquate Art des Musizierens barocken Repertoires abgelöst. Sie ist auf dem CD-Markt und im Konzertleben zumindest der Metropolen mittlerweile sehr gut etabliert und hat weiten Teilen des Publikums die Ohren geöffnet für ganz neue Aspekte der barocken und auch der älteren Musik, die wir heute als die wesentlichen Stilmerkmale anerkannt haben. Und dennoch: Beim Anhören mancher Produktion unserer Tage beschleicht einen der Verdacht, dass bald eine neue aufführungspraktische Revolution gewisse Hypertrophien der gegenwärtigen Praxis überwinden wird.
Thomas Hengelbrocks Einspielung von Händels furioser Vertonung des Vesperpsalms "Dixit Dominus" ist eine dieser misstrauisch machenden Neuaufnahmen: Sportlicher Ehrgeiz führt zu aberwitzigen Tempi an der Grenze des von den Sängern Artikulierbaren; die Violinen schwirren und sirren bisweilen wie ein Heuschreckenschwarm, die Theorben der Continuogruppe peitschen das Geschehen voran, indem sie im Wortsinne die Laute "schlagen". Bei Worten wie "zerschmettern" machen sich solche Effekte ganz gut, aber warum der Herr im Mickymaus-Tempo schwören und nicht bereuen muss, warum das Amen der Doxologie wie ein Schluckauf klingen soll, wird gerade vor dem Hintergrund der barocken musikalischen Rhetorik nicht klar. Statt tatsächlich miteinander zu konzertieren, also aufeinander einzugehen, meinetwegen auch zu wetteifern, jagt das Ensemble hektisch mit Tunnelblick auf den Dirigenten durch die Partitur. Kaum eine Melodie kann sich entfalten, kaum je kommt eine solistische Sängerstimme tatsächlich zur Geltung. Ohne auch nur im Geringsten den aufführungspraktisch Ewiggestrigen das Wort reden zu wollen - wie gesagt, die Fortschritte der letzten Jahrzehnte sind gewaltig und hinsichtlich der Grundbedingungen irreversibel! -, muss der Rezensent doch stark bezweifeln, ob in einer Zeit, wo Schusters Rappen und Pferdekutsche das Alltagstempo bestimmten, beim Musikmachen derart gestresst worden ist.

Michael Wersin, 04.09.2004



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