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Georg Friedrich Händel

Orgelkonzerte Nr. 1 - 16

Christian Schmitt, Stuttgarter Kammerorchester, Nicol Matt

Brillant/Joan Records MMK 92296
(264 Min., 2004)

Georg Friedrich Händel komponierte seine Orgelkonzerte gewöhnlich als "Beigabe" zu Aufführungen seiner oratorischen Werke. Bei diesen Anlässen begehrte das Publikum seine virtuosen Fähigkeiten zu bewundern, und die Form des Concerto bot ihm einen dankbaren Rahmen zur Entfaltung seiner Improvisationskünste, die enorm gewesen sein müssen. Es ist deshalb davon auszugehen, das die notierten Orgelstimmen dieser Stücke, die ja auch im Druck erschienen, nur ein ungefährer Anhaltspunkt dafür waren, was Händel tatsächlich gespielt hat; einige Sätze sind ohnehin nur mit dem Vermerk "ad libitum" angedeutet, andere sind nicht vollständig ausgeschrieben. Hier liegt die Crux für heutige Interpreten: Spielt ein Organist den im Druck erschienenen Notentext, dann sieht er sich u. U. dem Vorwurf ausgesetzt, improvisatorisch unbegabt zu sein; ziert er die Orgelstimme aus, muss er mit der Kritik rechnen, er maße sich an, im Stile Händel extemporieren zu können. Christian Schmitt, der Organist der vorliegenden Gesamtaufnahme, wählt einen klugen Mittelweg: Er hält sich an die Notenausgabe Ton Koopmans, der selbstverständlich zumindest das zu einer befriedigenden Aufführung Fehlende aus der eigenen Praxis zu ergänzen wusste. So vollbringt Christian Schmitt an der schönen Mühleisen-Orgel in der Kapelle des Schlosses Solitude (Botnang), begleitet vom Stuttgart Chamber Orchestra unter Nicol Matt, eine recht überzeugende Interpretationsleistung, an der es für sich genommen nicht allzu viel auszusetzen gibt: Schmitt verfügt über eine gute und zuverlässige Spieltechnik, die ihm eine problemlose Umsetzung seines Soloparts erlaubt. Aufschlussreich ist allerdings der Vergleich mit Ton Koopmans Einspielung des Repertoires (wobei Koopman nur die Concerti op. 4 und op. 7 einspielte, während Schmitt zwecks vollständiger Präsentation der Werkgruppe noch ein paar weitere einbezog): Koopman erweist sich als deutlich kreativer u. a. im Bereich der Artikulation; außerdem geht er freier mit dem Notentext um, indem er öfters Verzierungen oder kleine Überleitungen einfügt - mit anderen Worten: Unter Koopmans Händen erwacht der Orgelpart wirklich zum Leben, während er bei Schmitt trotz aller Brillanz vergleichsweise starr bleibt. Dies gilt im Falle der Koopman-Einspielung auch für das auf historischen Instrumenten ungleich viel farbenreicher und differenzierter spielende Amsterdam Baroque Orchestra, gegen dessen Leistung diejenige des Stuttgart Chamber Orchestra ein wenig al fresco klingt - nicht hinsichtlich der Präzision und Homogenität, wohlgemerkt, sondern hinsichtlich der adäquaten Umsetzung der musikalischen Gestik. Gäbe es nicht die historisierende Herangehensweise an die Musik des Barock, wäre man mit der vorliegenden Gesamtaufnahme der Orgelkonzerte, die mit sehr viel Sorgfalt und Liebe, ja auch mit beachtlichem Können gemacht ist, sicher sehr zufrieden. Angesichts der direkten Vergleichsmöglichkeit muss man Koopmans Einspielung als die idiomatischere, als die unmittelbarer ansprechende anerkennen.

Michael Wersin, 09.04.2005



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