Als David mit seiner Schleuder Goliath besiegte, sorgte er damit auch für einen Sturz im eigenen Volk: Nach Hause zurückgekehrt, wird er sogleich zum Volkshelden emporgehoben. König Saul bietet ihm die Hand einer seiner Töchter an, doch diese lehnt David wegen seiner geringen Herkunft ab. Und schließlich nagt am König der Neid gegen David, gegen den er vergeblich ankämpft: Er schickt den vermeintlichen Konkurrenten in eine Schlacht, aus der er erst recht siegreich heimkehrt, und mehrmals versucht er David eigenhändig mit einem Speer zu ermorden. Aber der alte König verfehlt sein Ziel jedes Mal und kommt am Ende in einer Schlacht selber um, woraufhin David seinen Thron besteigt. Händel hat mit seinem "Saul" ein Oratorium geschaffen, das mit seiner psychologischen Ausdeutung der Figuren und der tragischen Handlung glatt als Oper durchgehen könnte. Die Mitwirkenden greifen die Gelegenheit gerne und überzeugend auf: Lawrence Zazzo verkörpert mit gleißendem Glanz in der Stimme den reinen Helden David, Gidon Saks mit rußgeschwärztem Bassbariton einen nach und nach in einsamer Selbstzerfleischung versinkenden Saul. Jeremy Ovenden, als Sauls Sohn und Davids Freund Jonathan, Rosemary Joshua und Emma Bell als die Töchter Michal und Merab komplettieren harmonisch das Konfliktszenario, in dem der alte Herrscher in klassischer Tragik gegen eigene Ängste zu Felde zieht. Die hervorstechendeste Qualität der Einspielung liefert das Concerto Köln mit dem Orchesterpart, der Händels Partitur mit reichen Farben auflädt und sogar - beim Treffen Sauls mit der Hexe von Endor - ein bisschen vorweggenommene Freischütz-Atmosphäre heraufbeschwört. Leider kann diesem flexiblen, farbigen Ensemble der RIAS-Kammerchor auf Vokalebene kaum das Wasser reichen. Wesentliche Bewährungsproben wie etwa der Neid-Chor am Beginn des zweiten Aktes hätte man sich dramatischer gewünscht. Leider mittlerweile die Ausnahme, deswegen erst Recht erwähnenswert: Das Booklet liefert das Libretto in Englisch, Französisch und Deutsch. Leider hat man sich bei der deutschen Übersetzung für eine gereimte Fassung entschieden, die den Sinn der Zeilen in Einzelfällen ziemlich vernebelt.

Oliver Buslau, 01.10.2005



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