Langeweile kommt nicht auf, wenn Wolfgang Katschner mit seiner Lautten Compagney Berlin die sechs Sänger durch diese Teseo-Produktion treibt; eine Nummer jagt die nächste, mit bewundernswerter Flexibilität meistern die Solisten ihre furiose rezitativische Kommunikation, um in unmittelbar anschließenden Arien dann stimmliche Drahtseilakte zu vollbringen. Hier und da kommen dem Zuschauer dennoch Zweifel an den raschen Tempi, so etwa in Arcanes Arie "Più non cerca libertà" im dritten Akt: Ist es tatsächlich die Schuld des Countertenors Thomas Diestler, dass er hier kaum hinterherkommt? Atmen muss man schließlich hier und da. In einem relativ sparsamen Bühnenbild wie demjenigen von Stephan Dietrich, das die Konzentration ganz auf die Darsteller lenkt, mag so ein atemloser Schnelldurchgang noch Sinn ergeben. Aber konnte dies im Jahre 1713, als der Teseo im Londoner Queens Theatre am Haymarket mit einem besonders großen Aufwand an Theatermaschinerie, Verwandlungen und anderen Effekten über die Bühne ging, so auch möglich gewesen sein? Wie dem auch sei: Die Personenführung des Regisseurs Axel Köhler überzeugt weitgehend, die Protagonisten halten bis in die Details ihres Mienenspiels auch den gelegentlichen Großaufnahmen stand, die das für den größeren Abstand gedachte miteinander von Schminke und eigener Haut in den Gesichtern gnadenlos sezieren. Der eigentliche Mangel dieser 2004 in Potsdam live mitgeschnittenen Aufführung ist die Abwesenheit von wirklich großen musikalischen Momenten; alle Beteiligten machen ihre Sache recht gut: Das Orchester zieht, von kleinen, der Live-Situation geschuldeten Unebenheiten abgesehen, an einem Strang, und die Sänger arbeiten sich gewandt durch ihre Partien. Vielleicht ist es die oben erwähnte Ruhelosigkeit des Ablaufs, vielleicht doch auch die Qualität der Sänger: Wirklich fesselnde, atemberaubende Erlebnisse sind selten; allenfalls die Antrittsarie des Soprans Jacek Laszczkowski (Teseo) mit ihren gewagt grenzwertigen Pianissimi oder der folgende Zornausbruch Maria Riccarda Wesselings (Medea) lassen aufhorchen, aber vor dem historischen Hintergrund des grenzenlosen Sänger-Starkults, der das Publikum geradezu in Fieber versetzte, müsste in punkto vokale Ausnahmeleistungen in einer solchen Oper einfach mehr passieren; die Handlung und ihre szenische Abfolge als solche, funktioniere sie auch noch so reibungslos und sei sie auch noch so geistreich auf die Bühne gebracht, bietet einfach zu wenig für ein wirklich exzeptionelles Opern-Erlebnis.

Michael Wersin, 25.02.2006



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