Als Händel sich in London auf einen neuen Lebensabschnitt einließ, hätte er wohl selber nicht gedacht, dass er mit seinem Antrittswerk "Rinaldo" auf Anhieb so einen erfolgreichen Coup landen würde. Die 1711 erstmals aufgeführte Oper in italienischer Sprache entpuppte sich sofort als Kassenschlager, der prompt auch in Italien gefeiert wurde. Das nach dem Tasso-Epos "Das befreite Jerusalem" von Giacomo Rossi eingerichtete Libretto verhandelt da aber auch einen religionskriegerischen Stoff, der wie geschaffen war für Händel und sein Gespür für die hochdramatische Attraktivität. Gleich den 1. Akt befeuert er somit mit Arien, die längst zum festen Kanon in Barock-Recitals gehören. Ob nun die von den Trompeten prächtig hoch gewirbelte "Sibilar gl'angui d'Aletto" des Argante, die herrlich pastoral-intime Arie "Augelletti, che cantate", in der Almirena sich Blockflöten-Vögeln anvertraut, oder die in sich gekehrte Liebesode "Cara sposa" des Rinaldo, mit der aktuell Andreas Scholl live begeistert - Händel warf mit seinen, wenngleich aus so manch früheren Werken übernommenen Einfällen nur so um sich. Dass ihm im Laufe der drei Akte da bisweilen die Luft ausging, ändert nichts an dem Stellenwert dieses Meisterwerkes.
Aus der Versenkung wurde "Rinaldo" aber erst 2000 so richtig geholt, als Christopher Hogwood ihn mit einem wahren Dreamteam (Cecilia Bartoli, David Daniels) einspielte. Eine hohe Messlatte, vor der aber dem irischen Dirigenten und Gardiner-Eleven Kevin Mallon genauso wenig Angst und Bange war wie seiner Sänger-Mannschaft. Allein die beiden Hauptpersonen, die Mezzo-Sopranistin Kimberly Barber (Rinaldo) und die Sopranistin Laura Whalen (Almirena) sind absolut konkurrenzfähig, was die musiktheatralische Präsenz, das musikantische Feuer, den lyrischen Ausdruck und die stimmliche Reaktionsschnelligkeit angeht. Kaum zu glauben, dass diese zum kanadischen "Opera in Concert"-Projekt gehörenden Sänger keine Barock-Spezialisten sein sollen, sondern sich gleichermaßen auf dem Mozart- und Wagner-Parkett zuhause fühlen. Die Instrumentalisten des Aradia Ensembles erweisen sich dagegen als Vollblut-Kenner der historischen Aufführungspraxis, die für imposante Rasanz und farbliche Kontraste sorgen - und über die Kevin Mallons wachsames Auge und Ohr mit aller klanglich-stilistischen Kompetenz wacht.

Guido Fischer, 07.07.2006



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