Es gibt Opernstars beiderlei Geschlechts, für die die Bühne schon so etwas wie ein zweites Zuhause ist. Und es gibt Countertenor Andreas Scholl, der kein szenisches Drumherum braucht, um mit seiner magischen Vokalhydraulik große Räume und Momente entstehen zu lassen. Scholl scheint sich dessen bewusst zu sein. Denn mit seinen 40 Jahren hat er um die Opernhäuser bis auf eine Handvoll Ausnahmen einen Bogen gemacht. Und wenn er sich mal in die Hände eines Regisseurs bzw. einer Regisseurin begab, wurde man bisweilen das Gefühl nicht los, dass Scholl da in einer falschen Veranstaltung war. Als er 2006 in Paris zum zweiten Mal und unter Leitung von Irina Brook in die Titelpartie von Händels "Giulio Cesare" schlüpfte, blühte er da auf, wo er ganz allein sein eigenes Klangnaturschauspiel inszenieren durfte. So stellte sich zwangsläufig die Frage, ob er bei seinem überhaupt zweiten Opernausflug ähnliche Theaterhürden zu überwinden hatte, um schließlich den Abend zur Schollgala zu machen. Zwar stopfte auch 2002 Regisseur Francisco Negrin in seiner aus Los Angeles nach Dänemark mitgebrachten "Giulio Cesare"-Inszenierung Scholl in eine moderne Uniform, in der er etwas ungelenk und wie schlecht verkleidet aussah. Aber Negrins Arbeit kam Scholl mehr entgegen, da hier die Deutungsfolie äußerst wohldosiert mit Aktualitätsbezügen spielte. So nahm ihm kein überdehntes Konzeptkorsett die Luft zum Atmen, blieb er von seiner Auftrittsarie "Presti omai l´egizia terra" an im "Spiel".
Eine Ahnung von der in "Giulio Cesare" steckenden Politbrisanz, die leicht bis zum Nahostkonflikt führen könnte, erahnt man bei dem Livemitschnitt von 2005 aus dem Kopenhager Opernhaus. Und Negrin greift hier und da schon mal in die Gagkiste, wenn er den stimmlich wackelnden Countertenor Christopher Robson als tuntigen Tolomeo unter die Dusche stellt. Und auch der Machtkampf zwischen ihm und Cesare gerät beim Händelhit "Va tacito e nascosto" zur köstlichen Referenz an die barocke Bühnenmaschinerie, werden beide auf ihrem Thronsesseln wie von Zauberhand hoch- und runtergefahren. Das sind alles aber nur Nebenschauplätze – angesichts der seelendramatischen Erzählkraft, mit der Scholl Macht, Gewalt und Krieg grundsätzlich reflektiert und in Frage stellt. In der Sopranistin Inger Dam-Jensen als Cleopatra hat er dafür die ideale (Gesprächs-) Partnerin, sie kommt mit ihrem klangschönen Melos seiner arkadischen Sangeskunst recht nahe. Das von Lars Ulrik Mortensen delikat wie feingliedrig eingestellte Spezialistenensemble Concerto Copenhagen rundet diese geglückte, auch klangtechnisch tadellos eingefangene Produktion ab.

Guido Fischer, 15.09.2007



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