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Georg Friedrich Händel

Ah! Mio cor

Magdalena Kožená, Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon

DG/Universal 477 654-7
(76 Min., 3/2006) 1 CD

Ein neues Händelrezital von Magdalena Kožená – man fühlt sich erinnert an das Erfolgsalbum mit Händelkantaten, das die tschechische Sopranistin 2000 mit Marc Minkowski produziert hat. Und in der Tat: Hier und da, etwa in Sestos "Cara speme, questo core tu comincia lusingar" aus "Giulio Cesare", klingt die Mezzosopranistin wie in "alten" Tagen: Jugendlich rein, aber nicht glatt; expressiv, aber nicht überspannt; von innen heraus vibrierend, aber nicht unruhig oder flackernd in der Stimmführung. Das ist allerdings leider nicht die Regel auf der vorliegenden CD. Früher durfte man konstatieren, dass Magdalena Kožená zu einer interessanten neuen Sängerriege in der Alte-Musik-Szene gehört, in der man sich traut, auch in frühen Tagen der historisierenden Praxis verpönte Ausdrucksmittel wie das Vibrato oder das Aussingen bis zur dynamischen Obergrenze und gelegentlich darüber hinaus effektvoll, aber sparsam zur Anwendung zu bringen. Heute aber muss man sich fragen: Kann man Koženás Gesang etwa in "Ah! Mio cor! Schernito sei!" aus "Alcina" eigentlich noch als historische Aufführungspraxis bezeichnen? In energischem Dauerlegato treibt die Sängerin ihre melodischen Linien voran, unausgesetzt vibriert sie dabei, keine Nebensilbe erfährt mehr die ihr nach den Gesetzen der musikalischen Rhetorik zukommende Entspannung, sogar Schlusstöne von Phrasen werden gelegentlich im Ringen um Ausdrucksintensität crescendiert – kurzum: Was unterscheidet solchen Gesang noch von, sagen wir, Mischa Maiskys Cellospiel? In den rezitativischen Passagen von "Where shall I fly" ("Hercules") kommen dann harsche Ausdruckmittel wie forcierte, brettgerade (und unsaubere) isolierte Brusttöne zum Einsatz, dann wieder vor Betroffenheit überhauchtes Ächzen und Stöhnen. Koloraturpassagen klingen wie Maschinengewehrfeuer – Cecilia Bartolis furienhaft übersteigerte Vivaldi-Orgien sind für den Hörer hier nicht mehr nur eine Schreckensvision am Horizont, sondern drohen auch auf künftigen Koženáschallplatten Realität zu werden. Wozu braucht man für solchen Händel noch historische Instrumente? Andererseits muss man auch sagen: Andrea Marcon und sein Venice Baroque Orchestra legen (wenn der Tontechniker nicht getrickst hat) vielerorts eine Lautstärke vor, gegen die eine Emma Kirkby wohl nicht hätte ansingen können. Nun ist aber Magdalena Kožená auch keine Brünnhilde: Wenn sie z. B. nach fokussiert angesetzten Fortetönen in der oberen Mittellage mit derselben Intensität nach unten zu springen versucht, dann werden – verständlicherweise! – Grenzen deutlich hörbar. Freilich ist das Ganze nicht allein Magdalena Koženás Schuld: Seit einigen Jahren schon sind Schreien und Skandieren als extreme Ausdrucksmittel in der Barockmusik hoffähig, ästhetische Grenzen haben sich verschoben. Wohin soll das noch führen? Ob Dauerhochspannung wie die auf dieser CD präsentierte der Musik wirklich gut tut, darüber wäre einmal grundsätzlich zu diskutieren.

Michael Wersin, 13.10.2007



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