Die ersten Takte mit ihrem maschinenhaften, marschähnlichem Klappern könnten durchaus von Edgar Varèse stammen. Und auch im Laufe seiner Kinderoper "Pollicino" wird Hans Werner Henze immer wieder solche kleinen Zitatkugeln durch das Orchester kullern lassen, scheint mal Prokofjew dazwischen zu stampfen, während die Musiker Walzer-Freuden haben. "Pollicino" - das ist eine prall gefüllte, spritzig-kecke Partitur, die in ihrer Handlichkeit und mit ihren schief gestellten Songs nicht selten den Einfluss Hanns Eislers verleugnen kann. Und mit all diesen Vätern der Moderne steigt Henze nun leichtfüßig in die nicht nur in Italien äußerst populäre Märchenwelt des Däumlings Pollicino ab, der mit seinen sechs Brüdern beim Menschenfresser Orco landet.
1980 komponierte Henze diese Oper für Solisten, Schülerchor und -orchester in seinem toskanischen Domizil in Montepulciano. Und nachdem Henze schon bis dahin reichlich gegen so manch ideologisches Reinheitsgebot verstoßen hatte, um Musik zu einer öffentlichen Begegnungsstätte zu machen, präsentierte er sich nun auch im Dienste des Nachwuchs als uneitler und Niveau bewusster Animator. Solange jedenfalls, bis er sich leider hier und da auf das Orff'sche Schulwerk mit seinen Blockflöten und Gitarren einlässt. Was in der deutschen Ersteinspielung noch altbackener wirkt, wenn die Aufnahmetechnik eher die hölzerne Atmosphäre einer Schulaula vermittelt. Das Engagement und der Spaß jedenfalls, den der Dirigent Jobst Liebrecht den jungen Berliner Musikern und Sängern da herausgekitzelt hat, ist unüberhörbar. Besonders dann, wenn es eben an die Filetstücke der modernen Meister geht.

Guido Fischer, 15.05.2004



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