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Felix Mendelssohn Bartholdy

Geistliche Chorwerke

Choir of Trinity College Cambridge, Richard Marlow

Chandos/Codaex CHAN 10363
(74 Min., 1/2000) 1 CD

Vor dem Hintergrund des geistlichen Chorrepertoires der Renaissance, das er eingehend studiert hatte, schuf Felix Mendelssohn eine Vielzahl geistlicher Chorstücke, die sich zwar deutlich am Idiom der Alten orientieren - Polyphonie, Doppelchörigkeit, antiphonale oder responsoriale Satztechniken seien in diesem Zusammenhang exemplarisch erwähnt -, gleichzeitig aber vor allem auf harmonischer und melodischer Ebene Neues, Zeitgemäßes bieten. Eine geschickte, eine überaus gelungene Fusion traditioneller und zeitgemäßer Elemente: Auch in Zukunft noch werden Generationen von Chören Mendelssohn für diese Musik dankbar sein, denn sie machen bei guter Darbietung Furore wie eh und je; einzelne Passagen wie etwa "Sende dein Licht" aus der Psalmmotette "Richte mich, Gott" oder die Rahmenteile des "Ave Maria", zunächst vom Tenorsolisten mit Orgelbegleitung ausgeführt, bei der Reprise dann mit eingeflochtenen Chorstimmen wiederholt, sind von wahrhaft überirdischer, kaum fassbarer Schönheit.
Seit vielen Jahren arbeitet Frieder Bernius mit seinem Kammerchor Stuttgart an einer Gesamtaufnahme dieser Werke, und vieles, was er bis dato vorgestellt hat, wird für lange Zeit kaum zu übertreffen sein. Dies gilt u. a. für die erwähnte Motette "Richte mich, Gott", die auch auf der vorliegenden CD enthalten ist. Dieses Faktum sollte indes andere Ensembles nicht entmutigen; gerade englische Chöre wie der hier vorgestellte "Choir of Trinity College, Cambridge" haben in puncto Homogenität und Stimmschönheit vielfach Ebenbürtiges beizutragen; problematisch bleibt im Fall von deutschen Texten freilich immer die sprachliche Prägnanz. So gelangen auf dieser CD besonders gut die englischen und die lateinischen Stücke - u. a. das oben erwähnte "Ave Maria" und die Psalmvertonung "Laudate pueri" sowie die englische Version von "Hör mein Bitten" ("Hear my Prayer") und das englische Magnificat ("My Soul Does Magnify the Lord") op. 69, 3. Engelsgleiche Reinheit und Klarheit besonders der Frauenstimmen gibt es hier zu bewundern, insgesamt auch die faszinierend vollkommene A-cappella-Kultur dieses College-Chores; offenbar kann man im traditionell gesangsstarken England - man denke etwa an die zahlreichen Knabenchöre - noch aus dem Vollen schöpfen, während bei uns selbst an Musikhochschulen meist nur bedauerlich dürftiger Chorgesang zustande kommt. Eine schöne, gut funktionierende, auch zum Singen geeignete Stimme zu haben, das sei bei dieser Gelegenheit einmal kritisch hineinlamentiert, scheint bei uns aus der Mode gekommen zu sein; heiser, verschleimt und dysphon daherzukommen hingegen ist cool. Nehmen wir uns also ein Beispiel an diesen Engländern und erfreuen uns derweil an dem wundervollen Gesang auf dieser CD.

Michael Wersin, 14.07.2006



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