Die Manon sei nun ihre Lieblingspartie, erzählte Renée Fleming nach ihrem Manon-Debüt einem amerikanischen Journalisten im Interview. Weiter unten will der Kollege noch wissen, ob Frau Fleming denn Rezensionen lese. Ja, sie tue dies durchaus, meint sie, denn wenn alle schreiben, es sei etwas falsch, dann sei auch etwas falsch. Hier liegt das Problem: Frau Fleming sagt, die Manon sei nun ihre Lieblingspartie, und keiner schreibt, dass etwas falsch ist. Vielleicht kennt man Pierre Monteux’ Einspielung dieser Oper mit Victoria de los Angeles (Testament) nicht mehr, und Germaine Féraldy (Naxos historical) oder Janine Micheau (Paperback Opera) sind als stilechte Vertreterinnen der Titelpartie erst recht völlig in Vergessenheit geraten. Wie sonst könnte man nach dem Anhören von Manons Antrittsarie “Je suis encore tout étourdie” noch glauben, Renée Fleming sei eine ideale Interpretin dieser Partie? Sicher, Manon muss als durchtriebenes kleines Luder auf der Bildfläche erscheinen, aber sie ist es, munter und scheinbar harmlos dahinplappernd, zunächst auf zuckersüße, bestrickend unverdorbene Weise; gerade das macht ja ihre unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Hört man die de los Angeles singen, dann sieht man ein bildhübsches, blutjunges Mädchen vor sich, dass nach langer Fahrt sich räkelnd und streckend aus einer Kutsche steigt. Singt die Fleming, dann sieht man eine bestenfalls mittelalte Dame, bei der der Lack schon einige Macken hat: Die Höhe spricht nur im Mezzoforte noch richtig an, in der Tiefe lauert ein beachtlicher Registerbruch. Aber was soll’s, auch der Chevalier Des Grieux, den sie becirct und später ins Unheil stürzt, ist ja nicht mehr ganz taufrisch: Marcelo Álvarez liefert leider über weite Strecken angestrengten, unausgewogenen Gesang. So viel zum Thema Starkult: Wie soll da ein Sänger noch wissen, was er wirklich kann und was nicht?

Michael Wersin, 22.11.2003



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