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Claudio Monteverdi

Quarto libro dei madrigali

La Venexiana

Glossa/Note 1 GCD 920924
(61 Min., 11/2003) 1 CD

Gewöhnlich werden Monteverdis fünftes und vor allem sein achtes Madrigalbuch als Meilensteine jenes Paradigmenwechsels benannt, der den Weg von der prima zur seconda pratica, von der regeltreuen vokalpolyphonen Setzweise also zum affektgenerierten, hinsichtlich der Dissonanzen-Behandlung mit bald atemberaubender Freiheit geführten Satz bestimmt. Aber die unvermeidliche Auseinandersetzung mit den konservativen Theoretikern begann schon früher: Der Kontrapunkt-Gelehrte Giovanni Maria Artusi hatte Monteverdi 1600 ohne Nennung des Namens in einer schriftlichen Veröffentlichung wegen regelwidrig gesetzter Dissonanzen in einem Madrigal scharf angegriffen: Es gelte, nicht allein das Gefühl (im Sinne eines unmittelbaren Wort-Ton-Bezugs) zur Geltung zu bringen, sondern dem Verstand (als Wahrnehmungsorgan für die beklagten "Satzfehler") müsse vorrangig Genüge getan werden. Monteverdi schwieg zunächst auf diesen Angriff, veröffentlichte aber drei Jahre später in seinem hier vorgestellten vierten Madrigalbuch u. a. "Ohimè, se tanto amato", wo gleich am Anfang zunächst die Männer mit Sekund und Quart, gleich darauf dann die Frauen gar mit Sekund und Tritonus über einem jeweils zuvor angestimmten Grundton frei und unvorbereitet einsetzen - ein schockierender Moment (neben vielen anderen in dieser Sammlung), auch heute noch, wenn man um die Brisanz weiß.
Die Sänger des Ensembles La Venexiana zelebrieren die beschriebene Passage und all die andere wundervolle Musik des Quarto libro mit höchster Kunstfertigkeit, dabei stimmlich etwas satter auf die einzelnen vokalen Linien zugreifend als einst Anthony Rooleys Consort of Musicke mit Emma Kirkby an der Spitze, deren Aufnahme bis heute Referenzcharakter hat. La Venexiana intoniert außerdem tadellos und legt mit Erfolg großen Wert auf einen runden, geschlossenen Ensembleklang. Hinsichtlich der individuellen, affektgesteuerten Ausführung der einzelnen Linien hält man sich im Vergleich zum "Consort of Musicke" stärker zurück, womit zumindest in diesem Punkt stärker die vokalpolyphone Vergangenheit als die monodische Zukunft des Madrigals betont wird. Als interessante, vollgültige Alternative zur o. g. älteren Einspielung ist diese Aufnahme daher ebenso empfehlenswert wie allein für sich betrachtet. Auf die geplanten weiteren Monteverdi-Produktionen des Ensembles darf man sich freuen!

Michael Wersin, 31.07.2004



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