In groben Zügen sind die Umstände bekannt, unter denen das Tor zur Opernwelt endgültig aufgestoßen wurde. Als vor genau 400 Jahren, am 24. Februar 1607 im Palazzo Ducale zu Mantua vor einer handverlesenen und vom Herzog von Mantua angeführten Hörerschaft Claudio Monteverdis Favola in Muscia "L´Orfeo" uraufgeführt wurde. Nur wird bis heute nicht nur über das "Wie" immer noch gestritten, da eine genaue Instrumentierung nicht überliefert ist. Auch den Aufführungsort im Palazzo konnte man nur spekulativ lokalisieren. Wie entscheidend aber die genaue Ortsbestimmung für die Ensemblebesetzung und auch die Inszenierung des Klangbildes ist, kann man nun im aufregenden Zusammenwirken aus Theorie und Praxis der Neueinspielung des Orfeo durch das italienische Ensemble La Venexiana unter seinem Dirigenten Claudio Cavina entnehmen. Was in dem höchst lesenswerten booklet an Argumenten für eine Erstaufführung des Werkes in einem schmalen Wohnsaal der Margherita Gonzaga geliefert wird, in dem es keinen Platz für Bühnenabgrenzungen gab, spiegelt sich in der erstaunlich kammermusikalischen Nähe der Musik wider. Zudem entsteht der unmittelbare Livecharakter dieses dreidimensionalen Raum- und Hörerlebnisses durch eine verblüffende Klangregie. Wenn beispielsweise die vor Unglück ächzende und stöhnende Botin zu Beginn des zweiten Aktes sich aus der Ferne dem erstaunten Hirten nähert, werden Stimme und Körperbewegung eins. Bei allem unbedingten Willen, über diese detailgenaue Form der musikhistorischen Aufführungspraxis den Premiereabend von 1607 zu rekonstruieren, knüpfen La Venexiana aber wie erwartet nahtlos an ihre meisterhafte Gesamteinspielung aller Monteverdimadrigale an. Mitten hinein wird man hier in dieses schmerzerfüllte Drama in fünf Akten gezogen. Und bei dem das Seelenbeben seismografisch genau und bis in die dunkelsten Abgründe abgetastet wird. Erschütternde Dimensionen tun sich dabei nicht nur auf, wenn der schnarrende Klang des Regals sich mächtig an den Klagegesängen reibt. Vom Orfeo (Mirko Guadagnini) über Euridice (Emanuela Galli) bis zum Sopran Josè Lo Monaco als "Speranza" befindet die Innigkeit sich in einzigartiger Balance aus Klarheit und Ausdruck, bevölkern diese Disharmonia Mundi nicht irgendwelche antiken Mythenwesen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut.

Guido Fischer, 06.10.2007



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