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Gustav Mahler, György Kurtág, Arnold Schönberg

Sinfonie Nr. 2 c-Moll (Auferstehungs-Sinfonie), Stele op. 33, Kol Nidre op. 39

Juliane Banse, Cornelia Kallisch, EuropaChorAkademie, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Michael Gielen

Faszination Musik/Naxos CD 93.001
(75 Min., 1/1995, 6/1996, 11/1996) 1 CD

Musik, die Visionen vom Jenseits heraufbeschwört, geschrieben (zum Teil) von Komponisten, die im Spannungsfeld von jüdischer und christlicher Tradition lebten. Das ist der rote Faden für dieses außergewöhnliche Programm, und er beschert eine interessante Ergänzung zu Mahlers normalerweise eine CD-Veröffentlichungen vollkommen ausfüllender Zweiter Sinfonie. Ergänzend hat Michael Gielen hier Einspielungen von György Kurtágs 1994 uraufgeführten Orchesterstück "Stele" und Arnold Schönbergs selten gespieltem "Kol Nidre" vorgelegt.
Mahler erhielt die entscheidende Inspiration für seine "Zweite" durch den Tod des Dirigentenkollegen Hans von Bülow, und auch Kurtágs "Stele" (Bezeichnung für ein griechisches Steindenkmal mit Inschrift) wurde durch den Tod eines Freundes angeregt. In beiden Kompositionen geht es jedoch nicht um ein musikalisches Gedenken an die jeweilige Person, sondern um eine Überhöhung von Seelenzuständen und Konstellationen. Wie bei Mahler scheinen in Kurtágs Stück viele Bezüge zu anderen klassischen Werken durch; bekannte Klanggebärden werden zu wohl bekannten Bedeutungsträgern, zu expressivem Vokabular.
Schönbergs Vertonung des "Kol Nidre" bietet eine Überraschung: Das 1938 komponierte Stück ist ein spätes tonales Werk, das Schönberg für die Aufführung in einer Synagoge von Los Angeles geschrieben hat. "Kol Nidre" ist das traditionelle jüdische Gebet vor dem Versöhnungsfest "Jom Kippur". Für dieses Gebet existieren bestimmte Melodien; Max Bruch hat daraus ein "Kol Nidre" für Cello und Orchester gemacht. Schönberg wollte einen anderen Ton einführen und verwandte dazu ähnliche Verfremdungstechniken wie Mahler.
Mahlers Zweite Sinfonie erscheint bei aller überwältigender Präzision in einer Deutung, mit der ich mich nur schwer anfreunden kann. Gielen demonstriert vom ersten Ton an seine Absicht, die man auch im Beiheft abgedruckt findet: Er will nicht an Effekte, sondern an Inhalte denken. Dementsprechend wird man kaum mit dem Bombast verwöhnt, den man in diesem Stück gewöhnt ist. Das erscheint im ersten Satz noch richtig: Hier leistet sich Gielen einen farblich völlig neu dargestellten Ausbruch an "Effekt" erst kurz vor dem schleppenden Bass-Abschnitt, der schließlich zum Dies-Irae-Motiv führt. Der zweite Satz lebt von immenser Streicherkultur, die jedoch schnell zum Selbstzweck wird. So geht das Konzept am Schluss auch nicht auf. Weltgetümmel, Apokalypse und Seelennot: Diese Ingredienzien bleiben unterkühlt. Der Chor wirkt statisch, und Gielen sabotiert die Aussagen der Sänger ("Bereite dich") durch Zurücknahme des Ausdrucks. Da helfen auch die guten Leistungen der Solistinnen nichts.

Oliver Buslau, 06.07.2000



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