Wo Adorno Recht hat, hat er Recht: Mahler sei ein schlechter Jasager gewesen, so Theodor W. sinngemäß. Und der Tonfall permanenten gläubigen Jubels in der gigantischen "Sinfonie der Tausend", die Massierung der Mittel ins Hypertrophe und der menschheitsheilende Anspruch des Ganzen befremden heute eher als dass sie überzeugen. Der repräsentative Glanz, den das Werk verströmt, war nicht Mahlers ureigene Sprache - es fällt schwer, ihm die Botschaft zu glauben.
Es sei denn, der Interpret liefert sich dem Werk so unmittelbar aus wie Georg Solti in seiner bis heute unerreichten Einspielung (Decca). Solti füllt die Sinfonie, besonders den ersten Teil, mit einer derartigen weißglühenden Intensität aus, die alle Zweifel im Keim ersticken lässt. Und noch mehr, er lässt den drängenden Impetus des Pfingsthymnus' "Veni, creator spiritus" ins Brutale umkippen. Das mag manchem Hörer zu viel der Energieentfaltung sein, doch Solti unterstreicht so – unwillentlich? – den unterschwellig neurotischen Zug der Musik: Mahler will hier mit aller Gewalt glauben, und diese Gewalt ist Teil des klingenden Ergebnisses.
Riccardo Chailly beschreitet in seiner Aufnahme einen anderen Weg. Bleibt dem pfingstlichen Geist bei Soltis "Veni"-Rufen gar nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten und pflichtschuldigst sofort zu erscheinen, so handelt es sich bei Chailly eher um eine diskrete Anfrage. Hier findet sich wenig von Soltis Überwältigungsgabe, aber das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein: Das beinahe undurchdringliche Geflecht von Orchester, Soli und Chormassen wird unter Chailly bei relativ gemessenen, aber keineswegs schleppenden Tempi vorbildlich durchleuchtet. Der Klangfarbenreichtum, der trotz aller dröhnenden Wucht in der Partitur vorhanden ist, kommt ebenso zur Geltung wie die motivische Dichte. Trotz aller Liebe zum Detail vernachlässigt Chailly nie den großen formalen Bogen. Bei seiner Konzeption mag es nicht überraschen, dass ihm die relativ filigrane Passage ab "Infirma nostri corporis" besonders liegt.
Die größten Stärken bietet Chailly jedoch im zweiten Teil, der Schlussszene des zweiten Teils von Goethes "Faust", wobei er von einer phänomenalen Aufnahmetechnik unterstützt wird. Seine durchdachte Konzeption des leicht episodenhaft anmutenden Gebildes überzeugt voll und ganz, auch in den etwas nazarenerhaft sentimental anmutenden Partien. Das Concertgebouw-Orchester macht hier seiner langen Tradition als Mahler-Orchester alle Ehre.
Die meisten der Vokalsolisten machen ihre Sache ebenfalls sehr ordentlich, vor allem Jane Eaglen. Gegen Soltis konkurrenzlose Solistenriege kann Chaillys Sängertruppe jedoch nicht wirklich bestehen. Sowohl John Shirley-Quirk als Pater Ecstaticus als auch Martti Talvela als Pater Profundus haben unter Solti Standards gesetzt, die von den Sängern der neuen Einspielung nur gelegentlich eingelöst werden, auch ziehe ich René Kollo dem Tenor Ben Heppner vor, nicht zuletzt wegen der tadellosen Aussprache. Andererseits gibt es auch keine wirkliche Enttäuschung bei den Sängern.
Soltis Einspielung, bei den "Decca Legends" als Einzel-CD preisgünstig zu erstehen, bleibt eine Klasse für sich, doch möchte ich Chaillys ernsthafte, analytische und trotzdem gefühlvolle Interpretation auf keinen Fall missen.

Thomas Schulz, 01.03.2001



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