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Gustav Mahler, Franz Schubert, Anton Webern

Sinfonie Nr. 3, "Rosamunde"-Musik, Sechs Stücke op. 6

Cornelia Kallisch, EuropaChorAkademie, Freiburger Domsingknaben, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Michael Gielen

Faszination Musik/Hänssler/Naxos 93.017
(135 Min., 2/1997, 9/1997) 2 CDs

Dies ist Mahler-Interpretation nach dem Motto: "Ich werd' euch den Mahler schon noch austreiben". Michael Gielen verzichtet auf alles Anekdotische und hat damit eigentlich den Komponisten auf seiner Seite, der seine Werke als absolute Musik verstanden wissen wollte. Und auf der strukturell-analytischen Ebene lässt Gielens Dirigat auch wenig Wünsche offen. Die Temporelationen sind stimmig, alles erklingt in beeindruckender Präzision. Darüber hinaus jedoch ist wenig vom Geist der Partitur realisiert.
Ganz abgesehen davon, dass allgemein recht unflexibel musiziert wird und fließende Übergänge kaum stattfinden – ein Hauptelement des Werks wie von Mahlers Tonsprache allgemein sucht der Hörer in dieser Einspielung vergeblich: die Übernahme des Volkstümlichen, ja Banalen und gesucht Plebejischen in das Gefüge einer Sinfonie. Die militärmusikähnlichen Signale der Holzbläser, oftmals "grob" (Mahlers Anweisung!) dreinfahrendes Blech, "wie aus der Ferne" herüberklingende Marschrhythmen – all dies wird zwar musiziert, doch ohne jedes Gefühl für den Kontext, dem diese Chiffren entstammen, die konkrete (Musik-)Geschichte, die damit verbunden ist.
Typischerweise ertönt auch das Posthornsolo im dritten Satz, in welchem der Grad zwischen Sehnsucht und Sentimentalität so schmal ist, unter Gielen sehr zügig und sachlich, wie um jede Gefahr der Trivialität zu bannen; außerdem klingt das Instrument viel zu nahe. Bei Gielen wirkt diese Musik, als sei sie von Brahms. Dann jedoch wird aus der zitierten Banalität eine echte, denn Mahler ist nicht Brahms. Man muss noch nicht einmal Mahlers ursprüngliches, pantheistisches Programm zu seiner Dritten im Kopf haben, um das Werk zu goutieren. Kent Nagano kommt in seiner Interpretation (siehe Rezension) ebenfalls ohne mitgelieferte Mythen aus, doch wie viel mehr Farben, Nuancen, Lebendigkeit hat seine Aufnahme zu bieten! Gielens schleppendes Tempo im Kopfsatz, das hallige Klangbild und die nicht gerade weltmeisterliche Orchesterleistung vermögen mich ebenfalls wenig zu begeistern.
Als Beiprogramm findet sich Schuberts Schauspielmusik zu "Rosamunde", abwechselnd gespielt mit Weberns Sechs Stücken für Orchester in der Fassung von 1928: ein Satz Schubert, ein Satz Webern, ein Satz Schubert ... Wer, wie ich, mit dieser Art "innovativer Programmgestaltung" wenig anfangen kann, sollte seinen CD-Spieler entsprechend programmieren. Er hört dann einen anständig, wenn auch etwas zackig musizierten Schubert, und einen Webern, der erklingt, als sei er eine Komposition aus der Darmstädter Schule der fünfziger Jahre: gewissenhaft, transparent, doch ohne Realisierung der emotionalen Sprengkraft wie auch der hörbaren Mahler-Echos dieser Partitur. Sowohl Pierre Boulez, der die Urfassung dirigiert (siehe Rezension), als auch Herbert von Karajan (ebenfalls Deutsche Grammophon und nicht immer ganz partiturgetreu) haben aufregendere Interpretationen der Stücke geliefert.

Thomas Schulz, 15.03.2001



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