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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 5

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI 5 57385 2
(69 Min., 9/2002) 1 CD

Für Berlin und die Berliner waren es von Euphorie geprägte Tage Anfang September, als Simon Rattle seinen offiziellen Einstand als Chef der Berliner Philharmoniker gab - unter anderem mit Mahlers Fünfter. Schon auf den Plakaten in der Stadt konnte man es überall lesen: "Welcome Sir Simon!" Das lässt beinahe auf eine bessere Welt hoffen, werden doch ansonsten höchstens Fußballspieler so herzlich und öffentlichkeitsträchtig begrüßt, wenn sie den Verein und damit den Wohnort wechseln.
In der Philharmonie war die gespannte Hochstimmung beinahe mit Händen greifbar: "Jetzt geht's endlich los!", konnte man auf den Gesichtern des Publikums, des Orchesters und des Dirigenten lesen. Und die Vorfreude lohnte sich: Das Konzert war eine Wucht, Dirigent und Orchester befeuerten sich gegenseitig, und die Berliner ließen ihren neuen Star hochleben.
Den frenetischen Applaus müssen wir uns Gott sei Dank nicht anhören auf der in Windeseile fertiggestellten CD, der Schluss wurde nachproduziert. Und wie aufmerksam das Publikum Rattles Mahler-Deutung zuhörte, lässt sich an der fast vollständigen Abwesenheit jener Begleitgeräusche ermessen, die einen Konzert-Mitschnitt oft zur Qual machen.
Die Einspielung vermittelt einen ebenso guten Eindruck der Hochstimmung, die an jenen Abenden herrschte, wie sie sich hervorragend in Rattles bisherige Mahler-Interpretationen eingliedert. An Detailschärfe und in dreidimensionaler Deutlichkeit herausgemeißelten kontrapunktischen Strukturen dürfte sie kaum zu übertreffen sein - ebenso wenig an Temperament und Musizierlust. Von der so oft zitierten und zelebrierten "Gebrochenheit" Mahlers keine Spur; bei Rattle kommt die so zerrissene Partitur ungewohnt positiv daher. Selbst der Trauermarsch grüßt nicht aus dem Jenseits, sondern klammert sich mit aller Leidenschaft ans Leben. Symbolisch die einleitende Fanfare der Solo-Trompete: Bei Bernstein (DG) teilt sich tonnenschwere Trauerstimmung von Anfang an mit; der Solist klingt wie kurz vor dem Zusammenbruch. Rattle hingegen lässt den Anfang, bei fast gleichem Tempo, wesentlich neutraler erklingen - als Signal, das eine Handlung einleitet. Keineswegs zähmt Rattle die Wildheit des zweiten Satzes, es fehlt jedoch das Element des Katastrophischen im letzten Zusammenbruch.
Zu Rattles gleichermaßen energetischen wie analytischen Musizierweise passt dann auch, dass das berüchtigte Adagietto in neuneinhalb Minuten stil- und gefühlvoll, doch ohne Larmoyanz vorüberzieht - als Intermezzo eben, so wie dieser Satz von Mahler gedacht war. Wunderbar realisiert ist die durch Nachdenklichkeit gefilterte Walzerseligkeit des Scherzos, und das etwas arg jubelselige Finale erhält bei Rattle Biss und strukturellen Sinn. Vielleicht mag Rattle in seinem Ehrgeiz, jedes einzelne Detail der Partitur zum Klingen zu bringen, manchmal ein wenig übers Ziel hinausschießen: In einigen Momenten lauert die Gefahr einer zu kleingliedrigen Perspektive, die unter weniger festen Händen in Zerfaserung ausarten könnte. Doch insgesamt präsentiert diese Einspielung nicht nur den Mitschnitt des Beginns einer Ära, sondern auch das Dokument einer spannenden und mutigen Sichtweise auf Mahler - vom wunderbar beseelten Orchesterspiel ganz zu schweigen.

Thomas Schulz, 17.10.2002



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