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Gustav Mahler

Das Lied von der Erde

Janet Baker, Waldemar Kmentt, Symphonieorchester des BR, Rafael Kubelik

Audite/Naxos 95.491
(62 Min., 2/1970) 1 CD

Viele Dirigenten hat es am Jahrhundertende angezogen, dieses "Lied von der Erde", das intimste, kammerspielhafteste unter Mahlers seelenzerfasernden Dramen. Ein paar Tropfen erlesener Details haben die Salonen, Boulez oder Maazel herausgepresst, aber das Werk als Ganzes schwieg.
Wie einfach wirkt doch die Aufgabe, aus sechs Orchesterliedern dieses große Weltgedicht von Freude, Rausch und Verzicht unter den sinfonischen Bogen zu fassen, hört man Rafael Kubelik in diesem Mitschnitt eines Konzertes vom 27. Februar 1970. Dabei "macht"" Kubelik unendlich weniger als die eifrig partiturlesenden Epigonen. Zerpflückt Boulez die Introduktion des "einsamen im Herbst", auf dass wir wirklich jedes Bögchen hören, scheint sie Kubelik fast beiläufig fließen zu lassen, nahezu instrumental geführt fügt sich Janet Bakers Stimme ein, und den vielsagenden Partituranweisungen Mahlers: "ohne Ausdruck" oder "schauernd", folgen Kubelik und Baker in erfrierend fahlem Ausdrucksminimalismus.
Auch Waldemar Kmentts Tenor ist kein Organ, das psychologische Gebrochenheiten ausstellen würde, strahlend-metallisch ist sein Timbre. Zwei Besetzungen emotionaler Reserviertheit. Doch ist es, als zwänge uns diese niedrige "Grundtemperatur", die kleinsten Ausschläge mit geschärfter Aufmerksamkeit wahrzunehmen, kühl-verzauberte Momente wie die Takte der Frühlingsverheißung des "Trunkenen" ("Ganz langsam"), in denen Kmentt benommen lauschend "aus tiefstem Schauen" erwacht.
Nicht nur bei solch lyrischem Dämmerlicht ist das BR-Orchester unter Kubelik ein phänomenal beweglicher Klangkörper gewesen. Wie atemlos und doch exakt jagen sie durch den schwierigen Mittelteil der "Schönheit", wie gespannt geraten die Soli des "Abschieds". All diese Vorzüge der gradlinigen Kubelikschen Schau fordern uns, wollen wir ihre Qualitäten erkennen, mehr Hörmühen ab als die süffigeren (schwülstigeren?) Versionen der letzten Jahre.

Matthias Kornemann, 17.10.2002



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