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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 6

Philharmonia Orchestra, Benjamin Zander

Telarc/In-Akustik 0 89408 05862 2
(5/2001) 3 CDs, Bonus-CD

"Deutlichkeit" ist eines von Mahlers obersten Geboten, und es ist genau diese Tugend - neben vielen anderen -, die Benjamin Zanders Mahler-Interpretationen besonders auszeichnet. Nach seinen Einspielungen der Sinfonien vier (siehe Rezension), fünf (siehe Rezension) und neun hat sich der britische Dirigent nun der "Tragischen" angenommen, und wieder zeichnet er ein ungemein tiefenscharfes Bild der Partitur, in der (fast) jedes Detail hörbar wird, ohne dass der entscheidende große Bogen dadurch ins Hintertreffen geriete.
Zander hält sich minutiös an Mahlers Besetzungsvorschriften, bietet tatsächlich vier Harfen und zwei Celestas auf, sorgt dafür, dass der Notentext stets über den gewiss Eindruck heischenden Effekt obsiegt: So erklingt der unerbittliche Paukenrhythmus im ersten Satz, wenn das die Komposition prägende Dur-Moll-Siegel zum ersten Mal erscheint, tatsächlich, wie in der Partitur vorgeschrieben, lediglich im Forte; viele von Zanders Kollegen fügen an dieser Stelle der Wirkung halber dem einen "f" gleich noch mehrere hinzu.
Nun würde ein lediglich genaues Befolgen von Details und Vorschriften allein noch nicht automatisch eine überzeugende Interpretation garantieren. Zander jedoch zeichnet ein Bild des gigantischen Werks, das sowohl den weltumfassenden Duktus von Mahlers Sinfonik gerecht wird, als auch durchaus eigene Akzente setzt. In vielen Einspielungen des Werks ist von Anfang an klar: Es gibt kein Entrinnen. Dem tragischen Ausgang wird alles, was vorher kommt, untergeordnet; Michael Gielen ist ein typischer Exponent dieser Interpretationshaltung. Bei Zander hingegen findet, vor allem im Finale, ein stets auf der Kippe befindlicher Kampf zwischen "positiven" und "negativen" Kräften statt, der wirklich erst beim letzten Hammerschlag entschieden wird. Immer wieder möchte die Musik aufblühen, sich erholen, versucht verzweifelt, Visionen des Glanzes und der Freude fest zu halten. In ihrer konsequenten Ambivalenz und Mehrdimensionalität ähnelt Zanders Aufnahme der von Michael Tilson Thomas (siehe Rezension), der ich, vor die Wahl gestellt, dann doch noch den Vorzug gebe: Die absolute, fast bis zum Zerreißen geführte Hochspannung dieses Mitschnitts vermag Zander nicht ganz zu erreichen.
Dafür kann er an anderer Stelle punkten: Zander legt auch hier wieder, auf einer fast achtzigminütigen Bonus-CD, seine persönliche (englischsprachige) Einführung in das Werk vor, die an Eingängigkeit und Bildhaftigkeit nicht zu überbieten ist. Unter anderem erläutert er überzeugend, warum Mahlers Entschluss, den letzten der ursprünglich drei Hammerschläge im Finale zu streichen, ihn nicht überzeugt. Mahler hatte offensichtlich Angst vor der so offensichtlich schicksalhaften Zahl 3, wollte sich selbst durch die Minderung seiner eigenen Prophezeiung - der Held, der durch drei Hammerschläge gefällt wird - retten. Dramaturgisch, symbolisch jedoch ergibt die Dreizahl mehr Sinn, und daher gibt es in Zanders Einspielung auch zwei Versionen des Finales: eine mit zwei, die andere mit drei Hammerschlägen.
Doch Achtung - wer aufgrund der Ankündigung "Originalfassung" hofft, den Satz endlich einmal vollständig in der Instrumentierung der Erstfassung zu hören, sieht sich getäuscht: "Original" ist lediglich der dritte Hammerschlag und die unmittelbar folgenden Takte, der Rest entspricht der revidierten Ausgabe.

Thomas Schulz, 24.10.2002



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