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Gustav Mahler, Charles Ives

Sinfonie Nr. 1, "Central Park In The Dark", "The Unanswered Question"

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Michael Gielen

Hänssler/Naxos 93.097
(68 Min., 6/2003, 2/1995) 1 CD

Ein wahrhaft unerhörter Beginn, mit dem sich Gustav Mahler als angehender Sinfoniker 1889 der Öffentlichkeit vorstellt: mit dem Kammerton a hebt seine erste Sinfonie an, so, als ob sich das Orchester einstimmen und die Musik als solche ihren Platz im lärmenden "Weltgetümmel" erst finden müsse. Zwar räsoniert man üblicherweise gleich von Naturlauten und Vogelstimmen, aber Mahlers Anweisung "wie ein Naturlaut" weist gerade nicht auf Natur, sondern auf die Entfremdung des künstlich Gemachten hin, auf das gebrochene Naturempfinden und heimatlose Dasein des modernen Menschen.
Wer in den Achtzigern im Sendegebiet des (ehemaligen) Südwestfunks Aufnahmen mit dem hauseigenen Sinfonieorchester hören und mitschneiden konnte, der hat Michael Gielen als Mahler-Exegeten kennen gelernt, der gerade jenes Entfremdetsein mit all seinen geistigen und emotionalen Konsequenzen überaus schroff, kantig, jeglichem Harmoniebedürfnis feindlich eingestellt herausgearbeitet hat. Diese Radikalität ist, glaubt man der neuen Einspielung der ersten Sinfonie, einem versöhnlicheren, runderen Mahler-Bild gewichen.
Nicht, dass uns nun spätromantisch Schöngeistiges entgegentönt - wie weit Gielens Mahler davor nach wie vor gefeit ist, zeigen seine exemplarisch herbe Sechste und Siebte im neu entstehenden Mahler-Zyklus -, aber das Herausmeißeln extrem kontrastierender Ausdruckssphären, insbesondere das Offenlegen des Hässlichen in Mahlers "volkstümlichen" Passagen ist nicht (mehr) derart schonungslos wie ehemals. Dies zeigt exemplarisch der berühmt-skurrile dritte Satz, der ins makabre Moll getauchte Kanon "Bruder Jakob, schläfst du noch?", wo das Ordinäre (etwa der Trompeteneinwürfe) nun weniger schrill, mithin "integrierter" erscheint. Analoges: Gemäßigteres gilt auch für Gielens charakteristische Art, den Puls, den inneren Vorwärtsdrang eines Werkes aufzuspüren. Allerdings übertrifft der 76-Jährige hierin noch immer die meisten jüngeren Kollegen.
Dabei erstaunt einmal mehr die Spielkultur (auch) dieses deutschen Rundfunkensembles. Die beiden bekannten Ives-Zugaben demonstrieren sie wie die Mahler-Sinfonie auf makellose Weise; überdies stellen sie Gielens (und Hänsslers) kluges Konzert einer anregenden Programmverknüpfung unter Beweis, thematisieren Ives wie Mahler doch auf eigene, höchst suggestive Art mal lautmalerisch, mal transzendental, jene Frage nach der "Heimat" des Großstadtmenschen.

Christoph Braun, 08.11.2003



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