Wie gut, dass Simon Rattle immer wieder die Zeit bleibt, sich mit seinen alten Freunden in Birmingham auf neue Abenteuer einzulassen. Und wenn der Sir schon mal da ist, dann wird auch gleich noch ein Kinderchor aus dem fernen Toronto eingeflogen, um Gustav Mahlers sinfonisches Opus Magnum aufzuführen. Aus der Hüfte studiert selber ein Rattle natürlich die 8. Sinfonie nicht ein. Und was für ein Probenaufwand daher ermöglicht worden ist, hört man dem Live-Mitschnitt bis in die hintersten Stimmen an. Gleich der mächtig und gebieterisch strahlend in die Tür fallende Hymnus "Veni, creator spiritus" besitzt eine derart sensationelle Passform in chorischer Artikulation und orchestraler Transparenz, wie man es seit Georg Solti nicht mehr hören durfte. Und im "Faust"-Teil achtet Rattle minutiös darauf, dass nichts verdickt, der verzerrte Mahler-Tonfall ungeschminkt, aber nie ausgestellt dazwischenfährt und die schemenhafte Magie ihren eindringlichen Zauber behält ("Waldung, sie schwankt heran").
Simon Rattle knüpft mit dieser auf nachvollziehbare Direktheit und fragende Emphase ausgerichtete Interpretation an seine bisherigen Mahler-Blickwinkel an. Wobei ihm gerade in der dramaturgischen Dualität dieses riesigen Komplexes die Wucht nie aus den Händen gleitet. Stattdessen strafft er die Zügel manchmal, um dabei doch die Agogik so ungezwungen und selbstverständlich wie nur möglich zu behandeln. Dass sich in diesen von nicht zuletzt edelromantischem Kitsch entschlackten Organismus die Solisten klangschön und ausgewogen einfügen, ist kaum überraschend und müsste daher eigentlich nicht extra betont werden.

Guido Fischer, 05.03.2005



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