Wie kann man bei solch hymnischen Beschwörungen des katholischen "Heiligen Geistes" und der Goethe'schen Apotheose des Weiblichen einen kühlen (Kritiker-)Kopf bewahren, wie bei dieser einzigartigen Synthese der männlich-geistigen mit der weiblich-kosmischen Liebe nüchtern bleiben? Wer einmal die Superlative von Mahlers "Sinfonie der Tausend" auf sich wirken ließ - er selbst nannte seine Achte das "Größte, was ich bis jetzt gemacht habe", zu dem alle anderen Sinfonien nur "Präludien" seien -, der kann wohl gut nachempfinden, warum die Münchener Uraufführung 1910 von manchem Kollaps und hysterischem Weinkrampf begleitet wurde. Der wird aber wohl kaum nach der Aufnahmetechnik fragen wollen! Und doch liegt diese Frage hier so nahe wie bei kaum einer anderen CD-Einspielung: Gelingt es, die Monumentalität des Riesenorchesters, der zwei gemischten Chöre, des Knabenchores, der Orgel und der acht Solisten adäquat: d.h. nicht nur in ihren Dezibels, sondern auch und gerade in ihrer gegenseitigen Balance einzufangen?
Kent Nagano bzw. die Harmonia-Mundi-Ingenieure haben einerseits Grandioses geleistet, andererseits Prioritäten gesetzt, die zumindest fragwürdig sind. So lässt sich das gigantische Instrumentarium wie nirgendwo sonst derart luzide und plastisch-prismenartig aufgefächert "begreifen" wie in dieser Aufnahme aus der Berliner Philharmonie. Gerade auch die Orgel erfährt hier ihren herausragend machtvollen und sonoren Platz (wo ansonsten oft nur dumpfes Gewummer oder aber plärrend scharfe Mixturen zu hören sind). So fulminant und gleichzeitig detailgetreu also das Deutsche Symphonie-Orchester zu bestaunen ist, so sehr in den Hintergrund gedrängt agieren die beiden (an sich nicht minder qualitätvollen) Rundfunkchöre aus Berlin und Leipzig. Es lag wohl weniger am deren sängerischem Potential als an der Platzierung bzw. Anzahl der Mikrofone, die z.B. die Beschwörung des lateinischen "Komm, heiliger Geist!" in den Männerstimmen gleich zu Beginn derart brav erscheinen lässt (wie vehement fordernd dieses inbrünstige Gebet von Mahler hingegen gemeint war, zeigen die Aufnahmen Soltis, Bernsteins oder Kubeliks).
So bleibt die Chorhundertschaft in den tontechnisch mangelhaft ausbalancierten Forte- und Fortissimo-Passagen vieles von dem schuldig, was diesen beschwörenden Pfingst-Hymnus aus dem achten Jahrhundert ausmacht. (Und auch die "Seligen Knaben" aus Windsbach können Goethes "Er überwächst uns schon an mächt'gen Gliedern" kaum glaubhaft machen, so bescheiden singen sie auf bzw. so "entfernt" sind sie zu vernehmen). Bescheiden bzw. durchwachsen muss man auch die Qualitäten der halben Solistenschar nennen, in der Lynn Dawsons sopranöse und Robert Gambills tenorale Höhenklimmzüge allzu sehr von Anstrengung, ja mitunter von peinlicher Überanstrengung zeugen (gegenüber einer grandios aufblühenden Sylvia Greenberg und einem fulminantem Jan-Hendrik Rootering als - nomen est omen - "Pater Profundis").
Auch und gerade Naganos Dirigat spiegelt dieses grundsätzliche Einerseits-Andererseits der gesamten Aufnahme wieder. Seine Liebe zum orchestralen Detail hat im Auskosten der langsamen Passagen, in Goethes mystischen Beschwörungen der Sphären-Klänge vor allem, ein betörendes Pendant. Doch gerade darin droht mitunter statische Erstarrung und Überdehnung der Tempi. Überhaupt steht bei Nagano eher Goethes kunstreligiös-kosmisches Sinnieren denn das katholische "Feuer" des "Heiligen Schöpfergeistes" im Zentrum des Mahler'schen Anliegens; er deutet, mit anderen (zugespitzten) Worten, diesen Menschheitshymnus eher als (buddhistische) Meditation denn als Zeugnis abendländisch- "energetischer" Vitalität. Zwar gibt es auch bei Nagano am Ende beider Teile reichlich Es-Dur-"Katharsis", aber der süchtig machende Sog, der jene vergleichswürdigen Aufnahmen Soltis, Kubeliks und Bernsteins durchzieht und der dort jeweils die finale Erschöpfung geradezu herbei zwingt, fehlt Naganos Mahler.

Christoph Braun, 24.09.2005



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