Responsive image
Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 5

Festivalorchester Luzern, Claudio Abbado

EuroArts/Naxos 80242 54079
(74 Min., 8/2004) 1 DVD, Live-Mitschnitt Luzern

Man könnte geradezu philosophisch werden und vom "Ganzen" reden, das bekanntlich mehr ist als die Summe seiner Teile. Oder aber fragen: wie können "Stars" eine einheitliche Truppe bilden? Was auf dem grünen Bolzplatz höchst selten gelingt, das ist seit drei Jahren auf dem sommerlichen Konzertpodium in Luzern und jetzt per DVD bei Mahlers Fünfter zu bestaunen, die Claudio Abbado letztes Jahr - hundert Jahre nach ihrer Kölner Uraufführung - mit "seinem" Festivalorchester am Vierwaldstätter See einspielte. Und zwar auf eine Art, die man schlicht "perfekt" nennen müsste, wäre dieses Wort auf dem Sektor Kunst nicht irreführend. Das von Abbado persönlich neu formierte Ensemble weist neben dem Grundstock des Mahler Chamber Orchestra eine Bestenliste von Solisten- respektive Kammermusikern auf und präsentiert sich gleichzeitig in einer Homogenität und Agilität, die ihresgleichen sucht in der derzeitigen Orchesterlandschaft.
Wie passt das zusammen? Abbado preist bei dieser Frage immer wieder das kammermusikalisch geübte Aufeinanderhören seiner Auserwählten. Aber auch eine Sabine Meyer, Natalia Gutman, ein Wolfram Christ, Albrecht Mayer oder Reinhold Friedrich - um nur einige zu nennen - können, bei aller polyphon-orchestralen Wahrnehmungskapazität, nicht ihre Solokantilene spielen und dabei mit gleicher Aufmerksamkeit auf sechs oder neun weitere Stimmen achten. Wem diese Komplexitätssteuerung obliegt, das ist - natürlich - Abbado selbst. Wie aufregend und detailversessen dieser geniale Orchesterbildner zu Werke geht, das zeigt die DVD über die gewöhnliche Kameraführung hinaus mit zusätzlicher Dirigentenkamera aus der Perspektive des Orchesters. Sie demonstriert nicht nur die prinzipielle Dauer-Konzentrationsleistung eines Dirigenten im allgemeinen, sondern macht auch staunen, wie gelöst-souverän, ja freundschaftlich Abbado seine Mitstreiter an den einzelnen Pulten motiviert. Schnell wird dabei sicht- und hörbar: hier fordert kein Führer die Gefolgschaft und hier gibt auch keine traditionsverklebte Beamtentruppe mehr oder minder den Wünschen eines Gastdirigenten nach; hier findet vielmehr ein nahezu idealer, hochenergetischer Austausch auf beiden Seiten statt, der von "Spielfreude" im besten Wortsinn kündet.
Dieser Energieaustausch auf höchstem Level ist auch nötig - angesichts der denkbar zerklüfteten Seelenlandschafts-Partitur Mahlers. Angefangen vom Trauermarsch, den Abbado ohne allzu schwarze Schicksalsschwere "streng" nimmt (wie es Mahler fordert), über den aggressiven, vom orgiastisch ausmuzierten Freudentaumel unterbrochenen zweiten Satz; über das "chaotische", zwischen graziler Walzerseligkeit und dämonischen Triumphgesten changierende Scherzo, über das Adagietto, das Abbado fern von tränenreicher Rührseligkeit als betörend kammermusikalische Meditation inszeniert, bis hin zum frech-fröhlichen und naturhaft-kraftstrotzenden Kehraus: extreme Gefühlsschwankungen sind das Markenzeichen der Fünften.
Sie adäquat nachzuzeichnen, verlangt nicht zuletzt technische Ausnahmeleistungen, wie Mahler selbst (sorgenvoll) anmerkte: "Die einzelnen Stimmen sind so schwierig zu spielen, dass sie eigentlich lauter Solisten bedürften". Hätte er hundert Jahre später Abbados Luzerner Stimmgruppen(führer) gehört, er wäre nicht nur sorglos, sondern auch wunschlos glücklich gewesen. Ob z.B. im Trio des Scherzos oder zu Beginn des Finalrondos: jedesmal, wenn jene (und weitere) "Stars" solistisch tätig sind oder ihre Stimmgruppen auf phänomenale Art homogen agieren, dann weiß man nicht mehr recht, was man mehr bewundern soll: das Ganze oder die Teile dieses Orchesters. In jedem Fall erlebt man mit ihm und Abbado eine Mahler-Sternstunde.

Christoph Braun, 14.07.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top