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Gustav Mahler

Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn"

Sarah Connolly, Dietrich Henschel, Orchestre des Champs-Élysées, Philippe Herreweghe

Harmonia Mundi France HMC 901920
(63 Min., 10/2005) 1 CD

Das herrliche Soldatenleben, das genügsame Treiben des "einfachen Volkes", die vergnügten Wandersburschen, der geheimnisvolle Wald, das Trinkhorn und das Heidelberger Schloss: Die verklärende Sehnsucht nach Märchen, Rittertum und Mittelalter, mit der Achim von Arnim und Clemens Brentano zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts, in napoleonischen Kriegsjahren, rund 700 "Volkslieder" zur Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" zusammentrugen, um ein gesamtdeutsches Kulturbewusstsein gegen die "Welschen" wachzurufen, diese Sehnsucht findet sich in Mahlers 14 Vertonungen bekanntlich nurmehr in stark gebrochener Gestalt.
Bei aller Vielfalt seiner Liedauswahl - sie reicht vom Militärmarsch über das lyrische Liebeslied und die humorig-bissige Ballade bis zum mystischen "Urlicht" - kann der Hörer hier eines nicht finden: romantische Verklärung. Stattdessen: zumeist herber Realismus, Schmerz, in Liebesdingen ebenso wie im Hungerleben jener "einfachen Leute" und erst recht im todbringenden Soldatendasein, das musikalisch kaum jemals bitterer und kälter als Sinnbild des irdischen Jammertales in Töne gesetzt wurde (und direkt auf Bergs "Wozzeck" vorausweist). Wobei die gleichzeitige Verankerung in den Volksliedern und ihre "Brechung" mit einfachsten Mitteln (etwa mit plötzlicher Moll-Verdüsterung der Dur-Vorlage) den spezifisch Mahler’schen: tragisch-grotesken Tonfall ausmacht.
Philippe Herreweghe trifft diesen Tonfall auf anschaulichste, mustergültige Weise. Seine Champs-Elysée-Musiker sind Meister des Stimmungswandels: So aggressiv in Tempo und ungeschminkt in der Tongebung die Soldatenlieder (etwa Revelge, Tamboursg‘sell, der Schildwache Nachtlied) angegangen werden, so samtig, ja blumig-zart und verführerisch kommen die mal lyrischen, mal schalkhaft-ironischen Liebeslieder daher (etwa die Verlorene Müh‘, Trost im Unglück oder das Rheinlegendchen). Die radikalen Stimmungsumschwünge (etwa in "Das himmlische Leben") könnten direkter nicht in Szene gesetzt werden. Bei alldem waltet ein Höchstmaß an kammermusikalischer Durchsichtigkeit, das mir in keiner anderen Aufnahme, auch nicht bei Szell oder Abbado, begegnet ist.
Mit Sarah Connolly und Dietrich Henschel tritt ein kongeniales Solistenduo an, das jedes Lied zur Miniatur-Opernszene dramatisiert. Wobei man Frau Conollys schlankem, gleichwohl durchsetzungsfähigem Mezzosopran noch mehr Wandlungsfähigkeit - gerade im hintergründigen: schelmisch-sarkastischen Fach - gewünscht hätte. Henschels eminent (bühnen-)präsenter und emotionsgeladener Bariton hingegen lässt keine Wünsche offen und kann dem Übervater Fischer-Dieskau durchaus an die Seite gestellt werden. Eine neue Referenzaufnahme!

Christoph Braun, 05.01.2007



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