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Gustav Mahler

Sinfonie Nr.1 (inkl. "Blumine"-Satz)

Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman

RCA/Sony BMG 82876 871156-2
(62 Min., 2/2006) 1 CD

Kann man von David Zinman einen "neuen Mahler" erwarten? Die Frage stellt sich durchaus, erinnert man sich an die aufregend ungewohnten, von falschem Pathos befreiten Beethoven- und Schumanneinspielungen aus der Zürcher Tonhalle. Wer einerseits das "alte", seit den 60er Jahren herrschende und von ekstatischem Weltschmerz geprägte Mahlerbild Leonard Bernsteins vor sich hat, wer andererseits die aktuelle, ganz auf kammermusikalische Entschlackung bedachte und gleichzeitig emotional befeuerte Stuttgarter Mahlerexegese Roger Norringtons verfolgt, der kann die Frage nach einem "neuen Mahler" sogar bejahen. Bei Zinmans Erstling ist dies allerdings nicht der Fall. Allerdings hält sich die Enttäuschung in Grenzen. Das liegt vor allem an der fabelhaft hohen Spielkultur aller Stimmgruppen des Tonhalle-Orchesters. Vor allem die Bläser begeistern mit atemberaubend präziser Virtuosität, während die Streicher wunderbar schattierte piano-Abstufungen zuwege bringen, wie z.B. im Aschgrau der Totentanzparodie zu hören ist. Mit dem Stichwort "Parodie" – Mahlers eigener Anweisung zu diesem dritten Satz, dem das "vermollte" "Bruder Martin"-Lied zugrunde liegt – kommt leider auch das Enttäuschende an Zinmans Mahler zum Vorschein. So überaus feinnervig im ersten Satz der Kosmos der Natur, des Frühlings und Tagesanbruchs (oder wie auch immer das verwirrende, von Mahler gesetzte und wieder verworfene "Programm" zu deuten ist) inszeniert wird, so vordergründig-direkt bleibt Zinmans "Aussage" in den drei folgenden Sätzen. (Wobei der "Blumine"-Satz als ehemals zweiter Satz der Urfassung nur eine nette, keine notwendige Zugabe ist.) Die Mahlerspezifischen Ausdrucksregionen des Aggressiven, Hässlichen, Sarkastischen, die dem Kindlich-Volkstümlichen und dem Paradiesisch-Jubilierenden sozusagen als "Brechungsmittel" unmittelbar entgegengesetzt werden – sie belässt Zinman in einem relativ milden, romantischen Licht, zu dem nicht zuletzt gemäßigte Tempi beitragen. Wie aggressiv und gewaltsam hingegen z.B. die "glückliche" Dur-Apotheose des Schlusssatzes erst herbeigeführt werden muss, das macht Norrington um einige Grade plastischer als Zinman. Eigenartig: So verdienstvoll entromantisiert Zinmans Beethoven daherkam, so gezähmt-romantisiert und mit wenig Mut zum Risiko (bei gleichzeitiger akribischster Partituranalyse) geriet sein Mahler. Gleichwohl: Man kann und muss gespannt sein auf die Zyklusfortsetzungen.

Christoph Braun, 14.04.2007



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