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Gustav Mahler

Lieder

Christoph Prégardien, Michael Gees

Hänssler Classic/Naxos 98.256
(66 Min., 3/2006) 1 CD

Bei Christoph Prégardien weiß man nie so ganz genau, was im Falle einer neuen CD auf einen zukommt: Das stimmliche Niveau seiner Aufnahmen hat eine erstaunlich große Spannweite, ohne dass dabei ein eindeutiger Verlauf (etwa eine Verschlechterung mit zunehmendem Alter) erkennbar würde; er ist zeitweise offenbar einfach nicht gut drauf. Dies trifft allerdings für seine vorliegende Mahler-CD überhaupt nicht zu; sie ist eher eine Sternstunde seines sängerisch-interpretatorischen Könnens, vergleichbar etwa mit der "Winterreise" von 1996, die nach wie vor als Belegaufnahme gelten kann. Dort wie auch hier wartet Prégardien mit höchster sprachlicher Prägnanz und Eindringlichkeit auf, ohne dass dabei die Qualität des rein Melodischen ernsthaft Schaden nehmen würde; zwar spannt Prégardien zwecks möglichst plastischer Textvermittlung den deklamatorischen Bogen sehr weit, aber er konterkariert dafür, anders als Fischer-Dieskau, niemals das empfindliche innere Gefüge der musikalischen Phrasen. Dass ein Lied wie "Revelge" aus der Wunderhornsammlung mit seiner schauerlichen Kriegsthematik auf diese Weise zur durchaus unbequemen, den Hörer förmlich an-greifenden Hörerfahrung wird, hätte den stets um kraftvoll-adäquate Expressivität ringenden Gustav Mahler sicher auch sehr gefallen. Prégardien beweist sich auf dieser CD indes nicht allein als stimmlich robuster Deklamator, sondern hat auch Gelegenheit, seine beträchtlichen lyrischen Qualitäten zu präsentieren: Erstklassig und technisch vollkommen tadellos fängt er etwa die Stimmung des wundervoll melancholischen Entrückungs-Gesangs "Ich bin der Welt abhanden gekommen" ein. Perfekt auf lyrischem wie auch auf eher dramatischem Feld glückt dabei die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Michael Gees, einem versonnen-versponnenen Denker am Klavier, dem die komplexen, orchestral gedachten Begleitsätze Mahlers offenbar leicht von der Hand gehen; Gees ist sowohl begleiterisch als auch hinsichtlich der tiefenscharfen, plastischen Darbietung seines Parts stets voll auf dem Posten – ein Traum von einem Begleiter. Anlässlich der Schumann/Wolf-CD, die er mit Prégardien vor einiger Zeit für Hänssler eingespielt hat, war scharf zu bemängeln, dass er vom Covergestalter in nebulöse Unschärfe deutlich hinter Prégradien gesetzt wurde – sowohl sein Bild als auch sein Name erschienen dabei im Vergleich zum Sänger deutlich kleiner. Dies hat man beim vorliegenden, analog gestalteten Cover halbherzig verbessert: Gees erscheint hier nun in Bild und Namenszug etwas weniger klein und nebelig als Prégardien, aber eben doch immer noch sehr im Hintergrund. Das ist, gerade angesichts einer so grandiosen pianistischen Leistung, nicht gerechtfertigt und kann nur als ungerecht und antiquiert bezeichnet werden. Gerald Moore, der erfolgreiche Anwalt aller einstmals geschmähten Liedpianisten, wird sich im Grabe herumdrehen.

23.06.2007



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