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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 2 cis-Moll

Juliane Banse, Anna Larsson, Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman

RCA/Sony BMG 82876 87157-2
(83 Min., 2/2006)

Wenn man einen solch brillanten Klangkörper wie das Zürcher Tonhalle-Orchester so hervorragend im Griff hat wie derzeit David Zinman, dann kann man als Dirigent – im Sinne von "Interpret" – wohl leicht zum Opfer des völlig reibungsfreien Funktionierens werden: Die Materie scheint in der vorliegenden Mahlereinspielung kaum mehr Widerstand zu bieten, die Tücke des Objekts ist auf ein faszinierend geringes Maß zurückgefahren. Wir erleben eine Orgie von Wohlklang: In ihrem warmen, vollen Timbre wunderbar homogene Streicher (man höre nur den Beginn des zweiten Satzes), perfekt auf dieses berückende Streichertimbre abgestimmte Bläser, deren Holzabteilung folglich niemals schrill, deren Blechsektion niemals grell wird. Über gewisse Strecken gibt man sich dieser vollkommenen Harmonie gern hin – bis man sich dann doch einmal überwindet, die Darbietung unterbricht und eine Vergleichsaufnahme hinzuzieht. Was bietet denn der Plattenschrank – Stokowskis Liveproduktion von 1963 in London etwa. Eine unzulässige Gegenüberstellung? Ist nicht Stokowski, der effekthascherische Orchesterdompteur und Walt-Disney-Held aus der neuen Welt allzu sehr einer vor allem leidenschaftsgeschwängerten Mahlersicht verhaftet? Und wenn schon. Bereits wenige Takte belegen eindrucksvoll: Hier geht es wirklich um etwas, hier ist eine elementar-existentielle Ebene angesprochen, die doch auch Mahler nur gemeint haben kann, wenn er von Klopstock adaptierte und vertonte: "Mit Flügeln, die ich mir errungen in heißem Liebesstreben, werd’ ich entschweben zum Licht, zu dem kein Aug’ gedrungen!" Wie fesseln und entrücken einen Stokowski und seine Mitstreiter, wie treffen sie doch mit der ganzen ihnen zu Gebote stehenden Kraft einen Ton, der dem Hörer direkt an die Seele greift. Janet Bakers "Urlicht" ist ohnehin kaum je zu übertreffen, Anna Larssons kloßig-abgedunkelte Version bei Zinman ist nicht mehr als ein Schatten davon. Auch die Duettpassagen beider Solistinnen im letzten Satz: Bei Stokowski verströmen sich Rae Woodland und Janet Baker in unendlich weiten Melodiebögen, begeistern dadurch, dass sie dem gewaltigen Chor- und Orchesterapparat als Einzelpersonen etwas entgegenzusetzen oder krönend hinzuzufügen haben. Bei Zinman dagegen ergehen sich die Damen in wohlartikulierter, kleingliedrig phrasierter Miniatur-Mahlerei. Nein, bei aller noch so erstaunlichen Orchester- und Vokalkultur: Dafür, so glaubt zumindest der Rezensent, hat sich Gustav Mahler, der visionär Getriebene und überbordend Aussagewillige, nicht bis zum Letzten verausgabt und schließlich früh verbrannt.

12.05.2007



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