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Gustav Mahler

Kindertotenlieder, 5 Rückertlieder, Lieder eines fahrenden Gesellen

Janet Baker, Hallé Orchestra, New Philharmonia Orchestra, John Barbirolli

EMI 566981 2
(71 Min., 5/1967, 7/1967) 1 CD

Als eine von drei Musikaufnahmen, die Sir John Barbirolli bei seiner Beerdigung gespielt haben wollte, hatte er sich seine Einspielung des Mahlerliedes "Ich bin der Welt abhanden gekommen" mit Janet Baker gewünscht, und zwar in der Version von 1967 mit dem Hallé Orchestra. Eine unmittelbar nachvollziehbare Wahl: Wenn überhaupt eine menschliche Stimme in jene andere Welt vorzudringen vermag, dann die von Janet Baker, wenn sie in dieser Aufnahme die Worte "Ich bin gestorben dem Weltgetümmel und ruh’ in einem stillen Gebiet!" singt; mit äußerstem Pianissimo spannt sie hier die melodischen Bögen aus – ein beglückend gelungenes interpretatorisches und stimmliches Wagnis, das völlig zeitlos bis heute die Sinne des Hörers zu öffnen vermag für eine Ahnung, wenigstens eine winzige Ahnung von den angesprochenen jenseitigen Gefilden. Es ist ein Tondokument von jener seltenen Qualität, die Neuaufnahmen dieses Stücks überflüssig zu machen scheint – und dem Autor dieser Zeilen ist tatsächlich bisher keine Einspielung begegnet, die die atmosphärische Dichte dieser Ausnahmeleistung auch nur im entferntesten erreichen könnte.
Und dabei ist mit dem oben Gesagten nur der Höhepunkt dieser CD beschriebenen: Auch alle anderen Titel repräsentieren das für Mahler so ideale Gespann Baker-Barbirolli auf dem Höhepunkt seines Leistungsvermögens. Butterweich und doch voll von zehrender Leidenschaft und bitter-süßem Schmerz zieht Janet Baker etwa ihre Bahnen durch das letzte der "Lieder eines fahrenden Gesellen"; in wildem Aufbegehren gestalten Baker und Barbirolli im selben Zyklus das aufwühlende "Ich hab’ ein glühend Messer" zu einer Reihe von immer wüsteren emotionalen Explosionen, gipfelnd in dem Schaudern machenden Aufschrei "Ich wollt, ich läg auf der schwarzen Bahr’, könnt’ nimmer die Augen aufmachen!", jenes eigentlich recht pubertären Todeswunsches des durch die unglückliche Liebe zu der Schauspielerin Johanna Richter erschütterten Twens Gustav Mahler; allein durch das damals schon vorhandene Gewicht seiner Tonsprache konnte und kann er mit diesem selbstgedichteten Erguss den Hörer bis ins Mark erschüttern, dabei ein ganz anderes Bild vom Sterben evozierend als im eingangs beschriebenen fünften der Rückertlieder: Jugendlich-ungestüme Todsuche steht friedvollem Hinübergleiten in eine fremde, als still und ruhestiftend imaginierte jenseitige Welt gegenüber – wahrlich ein weiter Horizont, den diese interpretatorisch so einheitlich brillante CD eröffnet.

Michael Wersin, 29.09.2007



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