In der beigefügten, höchst sehenswerten Dokumentation "Oper entdecken", die in Zusammenarbeit mit einem deutsch-französischen Fernsehsender entstand, lässt Regisseur André Engel ganz zum Schluss die Katze aus dem Sack. Die Absolution, die das Volk in Paul Hindemiths Oper "Cardillac" der Titelfigur erteilen darf, ist für ihn äußerst fragwürdig, denn hier wird ein mordender Künstler fast heilig gesprochen. Recht hat André Engel natürlich mit dem Zweifel, inwieweit sich Kunst über Gesetz und Leben stellen darf. Bloß so aufbrausend sich Engel bei dieser gar nicht so schwer zu beantwortenden Frage im Interview gibt, so wirkt dagegen der Anlauf zu der finalen Fallhöhe merkwürdig eindimensional. Bis das letzte Stündlein für den Goldschmied Cardillac geschlagen hat, er gelyncht und einsam in einem großen Hotelfoyer zurückgelassen wird, fehlt es der Szene an Drastik, Hürden und Stolpersteinen, um Cardillacs Monstrosität konsequent zu konturieren. Obwohl Engel Hindemiths Dreiakter von 1926 in der Hochblütezeit des deutschen Expressionismus spielen lässt, wagt er sich nicht an jene verstörenden Bilder, mit denen besonders Fritz Lang seinen Filmschocker "M – eine Stadt sucht einen Mörder" inszenierte. Ob die mondäne Ausstattung selbst der Hotelsuiten ein Tribut an das Pariser Opernpublikum in der Opéra de Bastille gewesen ist, darf somit durchaus angenommen werden. Und auch die Pariser Dächerlandschaft, auf der der erste Teil des dritten Aktes spielt, ist kaum mehr als eine dekorative Erinnerung an solch legendäre, ihr Unwesen treibende Gestalten wie Fantômas. Die Aufzeichnung der Neueinrichtung von Hindemiths Oper, die auf der berühmten Krimi-Erzählung "Das Fräulein von Scuderi" von E. T. A. Hoffmann basiert, dokumentiert dagegen, welche großartig musikalischen Kräfte weiterhin am oftmals als verstaubt verschrienen Pariser Opernhaus walten. Bei Alan Held als Goldschmied Cardillac schäumen die Emotionen bei aller sicheren Textdeklamation grandios bis zum Siedepunkt hoch, Hannah Esther Minutillo ("Dame") schafft in ihrer großen "Schlafzimmer"-Arie den Spagat zwischen lyrischer Clarté und geheimnisvoller Nocturnestimmung. Und am Pult des Opernhausorchesters navigiert Kent Nagano mit Emphase und enormer Kontrolle zugleich durch Hindemiths scharfkantig ineinanderverzahnte Partitur, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte.

Guido Fischer, 27.08.2007



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