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Joseph Haydn

Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz

Ensemble Opus posth., Tatjana Grindenko

CCn'C/Note 1 02532
(60 Min., 6/2002) 1 CD

Der gekreuzigte Christus ist "den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit", stellt Paulus im Korintherbrief fest und umschreibt damit vor dem Hintergrund der antiken Welt sehr präzis das Unerhörte an der Botschaft des Neuen Testaments: Kein "unbewegter Beweger" in unerreichbarer Ferne und auch kein zürnender Gesetzgeber ist der christliche Gott; vielmehr schenkt er sich selbst dem Menschen in unübertrefflicher Weise durch Erduldung von Schmach, Schande und Kreuzestod in einem menschlichen Leib. Die Auseinandersetzung mit diesem unbegreiflichen Heilsgeschehen forderte nicht nur die Theologen und Philosophen des christlichen Abendlandes, sondern auch seine Künstler.
Joseph Haydn widmete sich der schwierigen Aufgabe, Christi sieben letzte Worte am Kreuz musikalisch umzusetzen, auf besonders anspruchsvolle Weise: Er fasst sie in sieben Instrumentalsätze, umrahmt von einer Introduktion und einem "Terremoto", einer Darstellung des bei Matthäus beschriebenen Erdbebens unmittelbar nach Christi Tod. Motivisch sind die Werke durch den originalen lateinischen Bibel-Wortlaut inspiriert - dies ermöglichte bzw. erleichterte auch eine später entstandene oratorische Fassung. Darüber hinaus jedoch entfalten sie sich in Sonatenhauptsatz-Form nonverbal, leisten also die Bezugnahme auf die jeweilige Thematik mit rhetorisch-musikalischen Mitteln. Im Sinne der meditativen Bestimmung der Stücke - sie entstanden 1786 im Auftrag eines Geistlichen aus Cádiz als musikalischer Beitrag zu einer Bußübung in der Karwoche - vollzieht der Hörer die vor jedem Satz vom Priester zitierten Christus-Worte Anteil nehmend mit.
Tatiana Gridenko und das Ensemble Opus Posth. fügen für ihre Neuaufnahhme der "Sieben Worte" den verschiedenen Fassungen des Werks zum Zwecke der Intensivierung des Ausdrucks eine weitere hinzu: Haydn komponierte seine Musik zunächst für Orchester und erstellte selbst auch ein Arrangement für Streichquartett. Der Verleger ließ einen Klavierauszug anfertigen, und circa sechs Jahre später entstand eine Oratorienfassung für Chor und Orchester, die Haydn in einer eigenhändig verbesserten Version autorisierte. Gridenko besetzt nun die Streichquartett-Fassung doppelt und verstärkt die Bassstimme zusätzlich mit einem Kontrabass. Tatsächlich ermöglicht diese Maßnahme eine sehr eindringliche Ausführung, die den Hörer unmittelbar angreift und nicht zur Ruhe kommen lässt. In diesem Sinne fördert die alternative Besetzung wohl durchaus Haydns Intention, zumal sie hörbar im Bewusstsein der jeweiligen Worte musiziert ist. Insgesamt kann die empfehlenswerte Aufnahme daher im Zusammenhang mit dem Bemühen vieler Musiker der Gegenwart um eine "Entniedlichung" des Schaffens von "Papa" Haydn als sinnvolles und gelungenes Unterfangen betrachtet werden.

Michael Wersin, 12.04.2003



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