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Blaue Augen

JazzIndeed

ACT 9651-2/Edel
(60 Min.) 1 CD

Man kann von der Neuen Deutschen Welle, die in den 80er Jahren mit ihrem Treibgut aus Dada und Punk durch die Hitparaden schwappte, ja vieles behaupten. Eines aber nicht: dass die Stücke von Interpreten wie Joachim Witt, Spliff oder Ideal jemals laut danach geschrieen hätten, in Jazz verwandelt zu werden. Nun ist es geschehen. Obwohl, nicht ganz, weil das Konzeptalbum des Quintetts jazzIndeed aus der ehemaligen NDW-Frontstadt Berlin zum einen einem recht weit gefassten Jazzbegriff verpflichtet ist und zum anderen die deutschen 80er-Jahre-Schlager hauptsächlich als Blaupause für Jugenderinnerungen nutzt. Es wird hier also nichts unnötig (im wahrsten Sinne des Wortes) hochgejazzt, was mal frecher Provokations-Pop war, sondern mit einer Mischung aus stilistisch erwachsener Abgebrühtheit und melancholisch-juvenilem Nachsinnen auf seine Haltbarkeit überprüft.
Michael Schiefel, der androgyne Gesangswunderknabe, ist dafür der perfekte Erfüllungsgehilfe. Man muss nur "Blaue Augen" hören, den von Ideal ausgeliehenen Titelsong der CD. Es ist ein vokales Meisterstück in Sachen postmoderner Gleichgültigkeit, stiller Anbetung und dekadenter Trauerarbeit. Neben den NDW-Umarbeitungen (u. a. "Goldener Reiter" von Witt, "Alles Lüge" von Rio Reiser oder "Autobahn" von Kraftwerk), die man als gelungen bezeichnen muss, weil sie gleichermaßen sensibel sind und unanbiedernd harsch, überzeugen auch die Eigenbeiträge von Saxofonist Jan von Klewitz, Bassist Paul Kleber und Schlagzeuger Rainer Winch. Da hört man: die 80er Jahre waren auch die Zeit des Punk-Jazz à la Lounge Lizards oder Defunkt.
"Young German Jazz" hat die Plattenfirma ACT vollmundig die Reihe getauft, in der "Blaue Augen" erschienen ist. Besser als mit dieser Produktion lässt sich die anspruchsvolle und eigenwillige Pop-Qualität, zu der der junge deutsche Jazz inzwischen gefunden hat, wohl nicht beweisen.

Josef Engels, 14.05.2005



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