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Joseph Haydn

Klaviersonaten

Evgeny Koroliov

Hänssler Profil/Naxos PH 04060
(76 Min., 7/2004, 10/2004) 1 CD

Wie verschieden kann man doch Haydns Klaviermusik interpretatorisch beleuchten! Neulich hatten wir uns zu reiben an Lang Langs brillant gemeißelter, funkelnd virtuos geschniegelter Darbietung einer Haydn-Sonate im Rahmen seines Carnegie Hall-Debüts: Irgendwie eindrucksvoll, freilich, aber wie viel hatte das wirklich noch mit Haydn zu tun? Nun begibt man sich mit der Frage nach der Authentizität einer Interpretation immer gefährlich aufs Glatteis: Man könnte zunächst nach einem ganz anderen Instrument rufen als jenem großen schwarzen Konzertflügel-Ungetüm, das auch Evgeni Koroliov in der vorliegenden Aufnahme verwendet; von da aus ließen sich dann ganz andere Detail-Aspekte der praktischen Umsetzung diskutieren. Da man aber nicht jeden Pianisten ans Hammerklavier zwingen kann, müssen andere Kriterien für die Stimmigkeit einer Version herangezogen werden als diejenigen, die zwangsläufig zum Postulat einer Orientierung am historischen Klangbild führen: Wie viel von der ideellen Substanz eines solchen Stücks vermag der Pianist durch sein Spiel zum Vorschein zu bringen? Vor diesem Fragehorizont schneidet Koroliov hervorragend ab. Er fesselt den Hörer gleich am Beginn eines jeden Satzes mit einer unprätentiös-besonnenen Exposition des musikalischen Materials: Der liedhaft-kantable Charakter der in Perioden sich entfaltenden, oft schlichten Themen wird niemals verleugnet zugunsten eines bloß äußerlichen Glanzes. Vielmehr beginnt Koroliov die einzelnen Sätze so, als ersinne er die einzelnen Motive im Augenblick des Erklingens; er lädt den Hörer durch seinen nachdenklich-intimen Tonfall dazu ein, die Musik ganz unmittelbar, gewissermaßen an ihrer Quelle mitzuerleben. Solchermaßen vom ersten Augenblick an einbezogen, vollzieht man auch die anschließende motivisch-thematische Verarbeitung des Materials höchst aufmerksam mit, geführt immer von Koroliovs einfühlsam-intelligenter Art des Vortrags mit ihren zahllosen Nuancen auf dynamischer und agogischer Ebene, die einzig dazu zu dienen scheinen, die Logik der musikalischen Verläufe verständlich zu machen. Mit einem Wort: Großartig.

Michael Wersin, 08.10.2005



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