Eine in vieler Hinsicht reizvolle Einspielung von Haydns Schöpfung, fürwahr; es handelt sich um die filmische Dokumentation einer Aufführung am Ende der Wiener Festwoche anlässlich des 250. Geburtstags von Joseph Haydn, die im prachtvollen Saal der Alten Universität stattfand – just da, wo auch Haydn selbst sein Meisterwerk im Jahre 1808 zum letzten Mal hörte: In einer Sänfte wurde er damals hineingetragen, Antonio Salieri leitete die Aufführung.
Die Wiener dachten sich 1982 für diese Festaufführung etwas Besonderes aus: Man verpflichtete das Collegium Aureum, ein historisierend musizierendes Ensemble, und präsentierte somit eine Version auf historischen Instrumenten, was damals doch wohl noch eine mittlere Sensation war. Dirigiert von Gustav Kuhn machen die Instrumentalisten ihre Sache sehr gut: Die zahlreichen lautmalerischen Elemente der Partitur (Tierstimmen etc.) kommen mit hervorragender Plastizität zur Geltung, und der Klang der einzelnen Register des Orchesters sowie das volle Tutti erweisen sich als angenehm kompakt und klangintensiv. Passend dazu gestaltet der hervorragend disponierte Arnold-Schönberg-Chor (auswendig singend!) den Chorpart mit großer Verve und einem hohen Maß an rein vokaler wie auch musikalisch-rhetorischer Vollkommenheit. Jeweils etwa drei Dutzend Mitwirkende haben Chor und Orchester, insgesamt also etwa über 70 Musizierende – das klingt sehr historisch, wirft aber vor dem Hintergrund der Wiener Aufführungspraxis unter Haydn selbst doch auch Fragen auf: So legte etwa Christopher Hogwood anlässlich seiner Einspielung aus dem Jahre 1990 dar, Haydn habe sein Oratorium mit einem eigens verstärkten Orchester von ca. 120 Mann und einem Chor aus 60 bis 80 Mitwirkenden musiziert. "Historisch" muss nicht immer "klein besetzt" heißen. Freilich schmälert dieser Befund nicht den ästhetischen Reiz der vorliegenden Einspielung – ebenso wenig wie die freilich gar nicht historisierende Sängerbesetzung den Hörer ernsthaft verstimmen sollte: Erfreut da doch immerhin die früh verstorbene Sopranistin Arleen Auger mit ihrer praktisch perfekten Technik und brillanten Diktion – ein Hochgenuss. Peter Schreier ist – nun ja, eben einfach Peter Schreier: Zuverlässig, technisch sehr solide, im Ausdruck recht bieder. Und Walter Berry als Raphael gibt ganz den selbstgewissen Lokalmatador: Er, der bei aller nicht zu bestreitenden Prachtfülle seines Instruments doch sehr zum Röhren neigt, kümmert sich wenig um historische Phrasierung und Sprachbehandlung. Stattdessen zelebriert er genussvoll sich und die Partie; am stärksten ist er beim rezitativischen Aufzählen der neu geschaffenen Tiere. Als Adam und Eva kommen später ein überreichlich gut disponierter, in jeder Hinsicht monumentaler und dabei doch ganz rührend urbildlich männlicher Roland Hermann und eine vergleichsweise ätherische, leicht intonationsgetrübte Gabriele Sima hinzu. Eine Dokumentation über Wien und seine politischen Verhältnisse zur Zeit des späten Haydn rundet als Bonus übrigens das auf dieser DVD Gebotene gewinnbringend ab.

Michael Wersin, 21.07.2007



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