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Joseph Haydn

Sinfonien Nr. 88 - 92, Sinfonia concertante

Toru Yasunaga, Georg Faust, Jonathan Kelly, Stefan Schweigert, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI 3 94237 2
(145 Min., 2/2007) 2 CDs

2009 ist Haydnjahr – und keiner wird's merken. Überspitzt könnte man so Simon Rattles Kopfschütteln interpretieren, der sich damit jetzt im Booklet über den öffentlichen Ruf Haydns beklagt. Und fügt man ein Wort des Kollegen und Haydnspezialisten Andreas Spering hinzu ("Er ist der unbekannteste bekannte Komponist."), scheint noch reichlich Arbeit ins Haus zu stehen, um Haydn bis zu seinem 200. Todestag aus dem Schatten Mozarts und Beethovens zu geleiten. Auf dem sinfonischen Gebiet scheint immerhin kein Nachholbedarf mehr zu bestehen, haben doch solche Haydnfans wie Christopher Hogwood, Adam Fischer und eben auch Spering für neuen Deutungsschwung gesorgt. Die Aufnahme von Simon Rattle mit den Sinfonien Nr. 88-92 könnte aber vielleicht schon deshalb die notwendig zukunftsweisenden Impulse setzen, weil hier ein Dirigent aus der höchsten Popularitätsliga die entspannte Gelehrsamkeit und aristokratische Volkstümlichkeit Haydns, seinen Witz und Geist bis ins Detail punktgenau trifft.
Dass die Berliner Philharmoniker bei den Livemitschnitten aus dem Scharountempel nicht auf Originalinstrumente umsatteln mussten, um die Artikulationspraxis des 18. Jahrhunderts mit elektrisierender Fulminanz aus dem Ärmel zu schütteln, ist angesichts des kenntnisreichen Animators Rattle keine Überraschung. Verblüffend ist dagegen, wie modern sich das alles präsentiert und man dabei auch seinen Spaß an den intellektuellen Verspieltheiten Haydns hat. Da strebt das Finale der Sinfonie Nr. 88 stramm und forsch nach vorn, ist das Gute-Laune-Musik, bei der der eingeschmuggelte Kanon jedoch kein plumper Gag mehr ist, sondern vielmehr Ausweis für Haydns evolutionäre Schöpfungsenergie. Und das die Erwartungshaltung des Publikums irritierende "Allegro assai" der Nr. 90, das es als Bonustrack und ohne den herausgelockten, "falschen" Applaus noch in der Studiofassung gibt, ist schlichtweg entwaffnend keck wie hinterlistig ausmusiziert. Und einen gelungeneren Kehraus hätte man sich schließlich mit der Sinfonia concertante für zwei Streicher, zwei Holzbläser und Orchester gar nicht wünschen können – so stürmisch und unverbraucht frisch werden Solokantilenenklischees und Tuttischemata anvisiert. Von wegen "Papa Haydn" – "Herr und Meister Haydn" muss es endgültig lauten. Und das Haydnjahr kann kommen.

Guido Fischer, 27.08.2007



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