Bühne frei für den einzigartigen bulgarischen Bassisten Boris Christoff (1914-1993): Nicht nur in der Titelpartie des Zaren Boris Godunow, sondern auch als Mönch Pimen und als Vagabund Warlaam ist er in dieser Einspielung der großen russischen Nationaloper Modest Mussorgskis zu bewundern. Tatsächlich bringt er es in allen drei Partien zu eigenständiger Charakteristik; am bewegendsten gelingt ihm allerdings die Verkörperung des Zaren Boris: Schlichtweg unübertrefflich ist er beispielsweise am Ende des zweiten Aktes, wo er von äußerlicher, imponierender Größe zu abgrundtiefer Verzweiflung verfällt, aufs Fürchterlichste heimgesucht durch die Vision des toten Thronfolgers Dimitrij, den er im Kindesalter töten ließ, um an seine Stelle treten zu können. Diese Passagen muss man von Boris Christoff gehört haben, um seine ganze Größe als Sängerdarsteller zu begreifen, die weit über seine an sich schon gewaltigen bloßen stimmlichen Qualitäten hinausreicht.
Eine weitere höchst erfreuliche Begegnung ist die mit dem jungen Nicolai Gedda als Novize Grigorij bzw. falscher Dimitrij: Herrlich lyrisch und weich klingt sein extraordinäres Tenormaterial, und schon hier brachte er es zu beeindruckender Aussagekraft. Ferner überzeugt André Bielecki als Fürst Schuiskij, Vagabund Missail und Bojar Chruschtschow. (Die Mehrfach-Besetzung hat in dieser Aufnahme Methode: Auch zwei weibliche Interpreten sind in je zwei Rollen zu hören.) So überwältigend diese Einspielung des Boris Godunow insgesamt ist - auch das Orchestre National de la Radiodiffusion Française unter Issay Dobrowen präsentieren sich in guter Form -, so interessant sind auch die "Bonus-Tracks": Schwer zugängliche Dokumente von Boris Christoff als Liedinterpret (u. a. mit Gerald Moore am Klavier) runden diese begeisternde 3-CD-Box ab.

Michael Wersin, 19.07.2003



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