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Bernd Alois Zimmermann

Die Soldaten

Frode Olsen, Claudia Barainsky, Hanna Schwarz, Claudio Otelli u.a., Jazz-Combo, Bochumer Symphoniker, Steven Sloane

(122 Min., 10/2006) Ruhrtriennale - www.ruhrtriennale.de

Unspielbar. Dieses Etikett bekam Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" schon weit vor ihrer Kölner Uraufführung 1965 verpasst. Und merkwürdigerweise ist sie dieses scheinbare Todschlagargument bis heute nicht losgeworden – obwohl seitdem zahllose Opernhäuser im In- und Ausland ihre Bühnenreife längst bewiesen haben. Der Aufwand ist selbstverständlich enorm, um nicht nur ein riesiges Orchester mit einer Jazz-Combo, Tänzern, Filmsequenzen und Tonbandzuspielungen zu synchronisieren. Zimmermann erhöhte die Komplexität und Vielschichtigkeit seiner "pluralistischen Oper" noch, indem er anhand des Schauspiels "Die Soldaten" des Sturm und Drang-Dramatikers Jakob Michael Reinhard Lenz die gute alte Literaturoper aus ihren Angeln hob. In der Brechung der klassischen Linearität von Handlung und Zeit durchdringen sich ständig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, werden Szenen filmschnittartig nebeneinandergestellt oder laufen gar parallel ab. So wegweisend Zimmermann in der Wahl der multimedialen Totalität war, so muss sie aber erst einmal in Form gebracht werden. Diese Schwerstaufgabe übernahm der englische Regisseur David Pountney 2006 bei dem Ruhrtriennale-Festival, das die Industrietempelanlagen von Duisburg bis Bottrop bespielt. "Die Soldaten" wurden nun in das riesige Fabrikschiff der Bochumer Jahrhunderthalle gestellt, deren gesamte Länge und Breite Pountney mit den Bochumer Symphonikern unter Steven Sloane ausschöpfte. Für den Minenweg der Kindsfrau Marie Wiesner hat Pountney auf der über 100 Meter langen Bühnenachse einzelne Szenenstationen im Wiener Jahrhundertwendeflair hintereinandergeschaltet, um mit freudianischen Andeutungen und suggestiver Morbidität den steten Gang entlang des Abgrundes einzugrenzen. Marie löst sich vom übermächtigen und pädophil veranlagten Vater und ihrem Teddybär, um sich in eine Welt des Rausches und der Triebe zu wagen. Zimmermanns hypertrophe Klangopulenz ist dafür natürlich der richtige Soundtrack. Zumal er bei aller perkussiven Aufgeladenheit und allen erodierenden Harmonien, die oftmals ins Bruitistische abrutschen, die vielleicht letzte Belcanto-Oper nach zeitgenössischer Rezeptur komponiert hat. Nicht nur wegen des hohen C, das der adlige Offizier Desportes erklimmen muss, sondern auch angesichts der dauerbrennenden Arien. Immerhin schaffen es allen voran Claudia Barainsky als Marie, Claudio Otelli als Stolzius und Helen Field als Gräfin de la Roche, dass in dieser adrenalinausschüttenden Überwältigungsmusik selbst die Textverständlichkeit gewahrt bleibt. Und Dirigent Steven Sloane weiß die musikalische Hydraulik derart versiert hoch- und runterzufahren, dass man dahinter einen wahren Probenmarathon vermuten darf. Eine großartige Produktion.

Guido Fischer, 12.05.2007



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