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Alexander von Zemlinsky

Streichquartette Nr. 2 u. 3

Kocian Quartet

Praha Digitals/Musikwelt PRD 250 193
(63 Min., 9/1995, 1/2003) 1 CD

Alma Schindler war Alexander von Zemlinskys Kompositionsschülerin, ehe ihr Gustav Mahler als angehender Ehemann die eigenschöpferische musikalische Betätigung untersagte, wie sie in ihren Memoiren zu berichten weiß. Sie verehrte Zemlinsky über alle Maßen als genialen Pädagogen und fühlte sich sogar in erotischer Weise zu ihm hingezogen; nur ihre Feigheit, so schreibt sie, verhinderte "schon das Vorletzte". Umso erstaunlicher ist es, dass sie Zemlinsky als "scheußlichen Gnom" beschreibt: "Klein, kinnlos, zahnlos, immer nach Kaffeehaus riechend, ungewaschen...". Die "Kinnlosigkeit" macht sie später gemeinsam mit Gustav Mahler auch in Zemlinskys Musik aus: "Sequenzen... enharmonische Verwechslungen... nur Chromatik... kein Eindruck". Fotografien von Zemlinsky - diese CD enthält leider keine - zeigen einen tatsächlich nicht sehr hübschen Mann, der allerdings ein völlig normal ausgeprägtes Kinn besaß.
Ebenso verhält es sich mit seiner auf dieser CD enthaltenen Musik: Sie ist alles andere als kinnlos im übertragenen Sinne, sondern im Gegenteil höchst markant, dramatisch, leidenschaftlich, stringent. Zweifellos wurde Zemlinsky lange Zeit unterschätzt, in seiner wichtigen Rolle als Mittler zwischen der spätest-romantischen, tonalen Musik und der Zweiten Wiener Schule nicht wirklich erkannt. Zemlinsky hielt Mahler für das eigentliche Genie seiner Zeit, war aber auch Lehrer (und Schwager) von Arnold Schönberg, dem er auf seinem Weg in die Atonalität allerdings nicht folgen konnte. Stattdessen sind u. a. seine Streichquartette Nr. 2 und 3 (entstanden 1915 und 1924) Bekenntnisse zur tonalen Musik und gleichzeitig faszinierende Demonstration der Möglichkeiten, die auch ohne das Überschreiten der Grenze zur Atonalität noch auszuschöpfen waren. Gleichzeitig werden im 2. Quartett auch die Grenzen der überkommenen Formen ausgelotet; das 3. Quartett bleibt in dieser Hinsicht konservativer, vollzieht gegenüber dem neun Jahre früher entstandenen 2. Quartett eine eindrucksvolle Wendung nach innen, zurück zu strengerer Anlage, ohne dabei jedoch auch nun einen Deut konservativer im Sinne von uninteressant zu sein. Die hervorragende Interpretation der beiden Werke durch das Kocian-Quartett trägt ihr übriges bei zur Ehrenrettung eines großen Meisters, der schließlich auch zu den Opfern des Nationalsozialismus zählte: 1938 musste er aufgrund seiner jüdischen Herkunft in die USA auswandern, wo er 1942 vollkommen verarmt starb.

Michael Wersin, 23.08.2003



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