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Jean-Baptiste Lully, Molière

Le Bourgeois Gentilhomme

Le Poème Harmonique, Musica Florea u.a., Vincent Dumestre

Alpha/Note 1 ALP700
(262 Min., 11/2004) 2 DVDs

Eigentlich hat Monsieur Jourdain alles. Einen Haufen Geld, eine schöne Tochter, engagiertes Dienstpersonal und nicht zuletzt eine zwar inzwischen etwas abgeblätterte, dafür aber treue Gattin. Doch Monsieur Jourdain fühlt sich zu Höherem berufen. Und so lässt er sich in all jene schönen Künste einweisen, die am royalen Hofe zum guten Ton gehören. Die Fecht- und die Dichtkunst, die Musik und der Tanz. Weil aber ein völlig ahnungsloser und vor allem derber Tropf wie er nicht auf Anhieb den feinen Unterschied zwischen Quart und Terz, zwischen Prosa und Lyrik begreift, stolpert er so lächerlich und urkomisch übers neue Parkett, dass man aus dem gemeinen Grinsen und schallenden Lachen nicht mehr rauskommt. Allein schon weil Olivier Martin Salvan diesen "Bürger als Edelmann" mit einer Mischung aus kindlicher Naivität und schief hochtoupierter Größe gibt, dass sich für die Titelfigur von Molières gleichnamiger Komödie kaum ein besserer Hanswurst denken lässt. In Benjamin Lazars Inszenierung der Ballettkomödie "Le Bourgeois Gentilhomme", die 1670 in der kongenialen Partnerschaft zwischen Molière und Jean-Baptiste Lully für den Sonnenkönig entstand, ist aber das Team der Star. All die Schauspieler, die das Geflecht aus verbaler und gestenreicher Barock-Rhetorik virtuos beherrschen, und die Tänzer und Tänzerinnen. Und nicht zuletzt Dirigent Vincent Dumestre, der mit seinem erweiterten Ensemble Le Poème Harmonique und alten Weggefährten wie der betörend sopranleuchtenden Claire Lefilliâtre die Airs und Balletteinlagen mitreißend und verzaubernd angeht.
Kaum verwunderlich, dass diese Gesamtkunstwerk-Produktion mittlerweile überall in Europa gefeiert wird, wo man sie seit 2004 zeigt. Und so bietet denn eben auch der Live-Mitschnitt aus dem Pariser Théâtre Le Trianon eine springlebendige Zeitreise. Auf der historischen Mini-Bühne tummeln sich wieselflinke Harlekine aus der Commedia dell'Arte und zittrige Greise, Exoten aus dem Morgenland und würdevolle Speichellecker. Und mittendrin: der Tölpel Monsieur Jourdain, der sich an der gezirkelten Diktion fast die Zunge verknotet und beim strengen Regelwerk der Tanzkunst sich fast die Beine bricht. Obwohl Regisseur Benjamin Lazar sich bis aufs I-Tüpfelchen um eine exakte Rekonstruktion des Theater-Spiels und -Inventars bemühte, wie es zu Zeiten Ludwig XIV. üblich war, ist daraus ein schlicht umwerfender Augen- und Ohrenschmaus geworden, bei dem man sogar die wild keifende Madame Jourdain auf Anhieb ins Herz schließt.

Guido Fischer, 10.12.2005



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