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Franz Liszt

Missa choralis, Via crucis

Matthew Best, Corydon Singers, Thomas Trotter

Hyperion/Koch CDA67199
(72 Min., 3/2000) 1 CD

Mit leichtem Unbehagen höre ich viele kirchenmusikalische Elaborate des 19. Jahrhunderts: Religiöse Inhalte sind durch Aufklärung und Säkularisierung bisweilen hörbar schal geworden; oft rücken cäcilianistische Gezwungenheiten die zu Hilfe gerufenen traditionellen Werte in einen muffigen Kontext, während andererseits Neuansätze mit den frisch erworbenen Mitteln romantischer Tonsprache nicht selten den Eindruck erwecken, hier werde die Musik selbst geheiligt.
Auch Franz Liszts Verhältnis zum katholischen Glauben, gipfelnd im Empfang der niederen Weihen, mag man argwöhnisch betrachten, ebenso wie einen Teil seiner aus dieser Befindlichkeit heraus entstandenen Werke. Zweifellos ist jedoch seine "Via crucis", eine musikalische Meditation über die vierzehn Stationen des Kreuzwegs, ein ungeheuer beeindruckendes Werk: Mit äußerst sparsamen Mitteln und auf der Basis eines von der Fürstin Wittgenstein höchst geschickt zusammengestellten Textbuches schuf Liszt ein Meisterwerk an Verinnerlichung, bezugreicher Vielschichtigkeit und musikalischer Dichte.
Meistens wird das Werk von begrenzt fähigen Kirchenchören und begleitet von ungeeigneten Orgeln exekutiert. Umso faszinierender ist das Hörerlebnis, das eine untadelige Interpretation wie diese zu bieten vermag: Die zahlreichen Nuancen des nur scheinbar einfachen Orgelparts kommen durch die Verwendung eines guten Instruments voll zur Geltung, und der abwechslungsreiche, teils, chorische, teils solistische Vokalpart setzt die notwendigen Akzente, indem er zur rechten Zeit die rechten Worte ausdrucksstark zum Erklingen bringt und so die rein musikalische Ebene deutet, ordnet und überhöht.
Nicht ganz so überzeugend beginnt die "Missa choralis": Im Kyrie und beim Gloria-Beginn fühlt man sich noch an Rheinbergers Biederkeiten erinnert. Allerdings bleibt es nicht so: Beim "Qui tollis" des Gloria lässt ein interessantes Motiv aufhorchen, und von da an begegnen dem Hörer zahlreiche reizvolle musikalische Ideen, gipfelnd etwa im "Et incarnatus est" des Credo oder dem wunderbar verhaltenen "Hosanna".
Hört man den Corydon-Sängern unter Leitung von Matthew Best in der Messe über längere Passagen hinweg zu, so wird der positive Eindruck der "Via crucis" etwas getrübt: Besonders bei den Männern tritt immer wieder eine durch Vibrato verursachte mangelnde Homogenität auf, und stellenweise könnte der Text sinnvoller artikuliert werden. Dennoch: Prädikat "empfehlenswert".

Michael Wersin, 01.02.2001



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