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Franz Liszt

Klaviersonate u.a.

Paul Lewis

harmonia mundi HMC 901845
(60 Min., 12/2003) 1 CD

Ein Schlachtross, heißblütig. Ausdruck wildester Phantasien, schauderhaftester Abgründe, innigster Liebelei. Ausdruck aber auch einer ungehemmten Zurschaustellung des eigenen (Über)Könnens: Liszts h-Moll-Sonate ist wie der Mount Everest der romantischen Klavierliteratur. Oder sagen wir, um andere große Komponisten nicht zu beleidigen: wie der K 2. Unzählige Pianisten haben sich daran versucht, nur wenigen ist es gelungen, das Ganze wahrhaftig zu bezwingen. Natürlich Martha Argerich - in einer Tour de force, die das felsige Massiv jedenfalls erzittern ließ, ja, es beinahe völlig zum Einsturz brachte; Alfred Brendel und Jorge Bolet mit gleichsam philosophischer Gelassenheit; Mikhail Pletnev mit pianistischer Grandezza, als ein leuchtendes Dramolett.
Und Paul Lewis? Wie macht er es? Eigentlich macht der junge englische Pianist, der vor allem in seiner Heimat einen bedeutenden Namen genießt, alles richtig. Er ordnet die Themen, konturiert sie (allerdings ohne dem faustischen Deutungsprinzip anzuhängen, welches Mephisto, Faust und Gretchen je eine Themenwelt zuschreibt), glänzt durch pianistische Souveränität und dramaturgische Sinnhaftigkeit. Seine Deutung besitzt einen weiten Atem, sie ist reich an Farben, an Anschlagsnuancen. Aber, aber: Es fehlt etwas. Etwas Entscheidendes: Es fehlt der Zauber, die Magie. Und ohne Zauber, ohne Magie, ohne dieses gewisse Irisierende, ist die h-Moll-Sonate beinahe ein bedeutungsloses Opus. Schade eigentlich. Jedoch: In den Miniaturen aus den späten, bitter-religiösen Jahren Liszts wird das gleiche Problem hörbar. Sollte vielleicht Beethoven spielen, der Mann.

Tom Persich, 02.10.2004



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