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György Ligeti, Domenico Scarlatti, Anne Boyd, Gustav Mahler

Lux aeterna, Stabat Mater, As I Crossed A Bridge Of Dreams, Ich bin der Welt abhanden gekommen

Hedwig Westhoff-Düppmann, Iris-Anna Deckert, Mona Spägele, Tanya Aspelmeier, Daniel Gloger, Detlef Bratschke, Jan Kobow, Andreas Weller, Matthias Horn, Adolph Siegel, Kammerchor Stuttgart, Frieder Bernius

Carus/Note 1 83.208
(54 Min., 2/1996, 9/1996) 1 CD

Zwischen "Tradition und Aufbruch" nennt Clytus Gottwald, Autor des Beiheftes, das Programm auf dieser CD mit Werken von Ligeti (Jahrgang 1923), Domenico Scarlatti, Boyd (Jahrgang 1946) und Gustav Mahler. Vage und verlegen wirken solche Zuordnungen. Die Werke könnten auch ruhig beziehungslos nebeneinander stehen - in der hervorragenden Interpretation von Frieder Bernius sind sie spannend genug.
Mit seinen Musikern kann Bernius hier die ganze Palette seines Könnens demonstrieren. Etwa in Ligetis "Lux aeterna" für sechzehnstimmigen Chor (einer von Clytus Gottwald 1966 für die Stuttgarter Schola Cantorum angeregten Komposition). Mikropolyfone Stimmführungen gehen hier in statische Klangfelder, meist Cluster über und lösen sich wieder in einzelne Bewegungen auf. Der Text stammt aus der Totenmesse. Frieder Bernius' Darbietung ist außergewöhnlich, sein überwältigender Sinn für Präzision und Proportion lässt ihn die letzten Schwebungen zwischen Ton und Stille finden. Übergänge werden so weich gestaltet, dass man sie kaum bemerkt. Aus dem Nichts scheint jäh Musik auf, ins Nichts fällt sie wieder zurück - ein surreales Changieren, das den Hörer entrückt.
Im "Stabat Mater" von Domenico Scarlatti, den man eigentlich nur als "spanischer Cembalisten" kennt, gelingt es Bernius, die Spannung dieses sehr heterogenen zehnstimmigen Stückes aufrechtzuerhalten und sowohl Architektonik als auch Ausdruck des Stückes in Gleichgewicht zu bringen.
Anne Boyds sechzehnstimmige Komposition "As I crossed a Bridge of Dreams" von 1975 strahlt auf mich lediglich esoterische Gefälligkeit aus. Und auch mit Clytus Gottwalds Bearbeitung von Mahlers Lied "Ich bin der Welt abhanden" aus den "Rückert-Liedern" kann ich mich nicht anfreunden. Da mag Gottwald noch so sehr im Beiheft-Text beteuern, dass er bei der Bearbeitung "Ligetis vokale Satztechnik gleichsam isoliert und auf verschiedene historische Modelle" überträgt. Am klanglichen Resultat bessert das nichts.
Gottwalds sechzehnstimmige Version glättet und verwässert Text und Musik und nimmt dem Original für Singstimme und Orchester (bzw. Klavier) seine konzentrierte Ausdruckskraft. Gerade die Kombination von fast sprechender Gesangsstimme und herbem Streichinstrumentenklang macht die ergreifende Wirkung des Original-Liedes aus. In Gottwalds Lesart wirkt alles verkitscht und sentimental.

Teresa Pieschacón Raphael, 06.09.2001



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