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Zoltán Kodály, Ferenc Erkel, Ernö Dohnányi, Leó Weiner, Franz Liszt, Béla Bartók

Tänze aus Ungarn

Domonkos Héja, Danubia Symphony Orchestra

Warner Music Hungary 5 050466 935120
(62 Min., 6/2003) 1 CD

"Ungarische Musik"? Da fallen vielen Deutschen nur die Brahms'schen "Ungarischen Tänze" und "Zigeunerlieder" ein. Von der ehemals übermächtigen deutschen Romantik-Tradition, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts Kodály und Bartók den Kampf ansagten, distanziert sich die vorliegende Platte schon mit ihrem Titel. Allerdings darf man keine wirklichen ungarischen Bauern- oder Volkstänze erwarten, sondern stilisierte Kunstprodukte ungarischer Komponisten.
Nicht zufällig steht Zoltán Kodály am Beginn der Auswahl, wusste der Mentor der modernen ungarischen Musik als ethnologischer Sammler heimatlicher Lieder und Tänze wie kein anderer um deren fundamentale Rolle auch und gerade für sein eigenes kompositorisches Schaffen: "Die Volksmusik", so schrieb er seinen Schülern ins Gewissen, "ist für den ungarischen Musiker von grundsätzlich verschiedener, höherer Bedeutung als z.B. dem deutschen die seinige". Das mit einem Zymbal aufwartende Intermezzo seiner nationalemphatischen, 1926 uraufgeführten Háry-János-Suite, dem ein bäuerlicher "verbunkos" (Werbemusik für die österreichische Armee im Feldzug gegen Napoleon) zugrunde liegt, zeigt dies prototypisch.
Demgegenüber sind die beiden Czárdás- und Palotache-Tänze des Liszt-Zeitgenossen Ferenc Erkel eher dem Unterhaltungsgeschmack des adligen Opernpublikums zuzurechnen. Ernö (Ernst von) Dohnanyi und Leó Weiner wiederum verkörpern zwei Generationen später den mitreißend-virtuosen Symphoniker, der trotz Anleihen an die deutsche Spätromantik durchaus Originelles schuf (und mitunter, wie der Kollege Miklos Rosza, auch Hollywood alle Ehre gemacht hätte).
Neben Kodály war Bartók bekanntlich der maßgebliche Erforscher und eigenwilligste "Verarbeiter" ungarischer Volksmusik. Dass hier ausgerechnet seine 1923 komponierte Tanzsuite eingespielt wurde, muss allerdings befremden, verarbeiten die sechs Sätze doch mehr arabisch-orientalische Einflüsse als ungarische (und rumänische), so dass man, wie der humanistische Kosmopolit Bartók selbst erklärte, getrost auf die Klassizifierung nach Nationalitäten verzichten kann. Schließlich ist auch nicht recht einzusehen, warum der "Tanz in der Dorfschenke" (nach Lenaus "Faust"-Dichtung) des bekanntesten "Ferenc" unter "Tänze aus Ungarn" subsumiert wurde - statt dieses Mephisto-Walzers hätten sich im Schaffen Liszts durchaus Werke mit weitaus stärkerem Nationalkolorit (und Zigeunertonleiter) finden lassen.
Solche Programmeinwände tun der vorzüglichen Orchesterleistung des gerade mal 11 Jahre alten Danubia Symphonie-Orchesters, in dem (ehemalige) Studenten der Budapester Konservatorien spielen, keinen Abbruch. Auch wenn sein Gründer Domonkos Héja weniger ein Feuerkopf als ein sorgfältiger Modellierer ist: es gibt durchaus Momente, wo beide Charaktere eine mitreißende Liaison eingehen.

Christoph Braun, 11.09.2004



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