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Johannes Ockeghem

The Ockeghem Collection

The Clerk’s Group, Edward Wickham

Gaudeamus/Codaex CD GAX 550
(1994 - 1999)

Johannes Ockeghem (gest. 1497), der die meiste Zeit seines Lebens im Dienst französischer Könige stand, gehört nach wie vor zu den rätselhaften Musikerfiguren der frühen Neuzeit: U. a. ca. 16 Messen bzw. Messteile, ein Requiem und eine Reihe von Motetten blieben von seinem ursprünglich sicher viel größeren kirchenmusikalischen Schaffen erhalten; die überlieferten Werke erfüllen jeden, der sie genauer in Augenschein nimmt, mit höchster Ehrfurcht, denn ihre satztechnischen Raffinessen übertreffen bei Weitem das Meiste, was wir aus jener an Tonsatzwundern nicht gerade armen Zeit kennen: Die "Missa cuiusvis toni" etwa ist in sämtlichen vier authentischen Kirchentonarten singbar, und ihr Notentext ergibt, führt man sie z. B. phrygisch auf, ein charakterlich vollkommen anderes Stück als im dorischen oder im lydischen Modus. Die "Missa prolationum" ist ein vierstimmiges Werk, das jedoch nur zweistimmig notiert wurde; jede der beiden notierten Stimmen ergibt allerdings zwei klingende Stimmen, was durch je zwei verschiedene Mensurvorzeichnungen erreicht wird: Zwei Sänger beginnen gleichzeitig eine notierte Partie zu singen, aber der eine singt etwas langsamer als der andere, und so driften sie planmäßig mehr und mehr auseinander. Zwei solche Prozesse übereinandergeschichtet ergeben einen vierstimmigen Satz – unvorstellbar, rhythmisch-mathematisch im Kopf nur schwer nachvollziehbar, aber wahr.
Die beiden genannten und eine Reihe weiterer Messen (einschließlich des ungeheuer eindrucksvollen, von Ockeghem wohl bewusst archaisierend vertonten Requiems) und einige der Motetten hat das englische Ensemble "The Clerk’s Group" unter Leitung von Edward Wickham zwischen 1994 und 1999 eingespielt. Mit ihrer vorbildlichen Interpretationsleistung – die Gruppe ist in puncto Homogenität, Wohlklang und organische Gestaltung kaum zu übertreffen – beweisen die Sänger, dass Ockeghem kein abgehoben-verstiegener Intellektueller war (die kontrapunktischen Abartigkeiten seiner Werke haben dies immer wieder vermuten lassen), sondern ein auch durchaus (aufführungs-)praktisch denkender Vollblutmusiker, dessen Kompositionen eben raffiniert und klanglich attraktiv sind. Sie dienen damit, ganz in der theologisch-philosophischen Tradition jener Zeit, gleichzeitig dem Lobe Gottes (indem sie mit ihrer Komplexität dem Wunderwerk der Schöpfung huldigen) und der geistig-sinnlichen Erquickung der Menschen. Dies unmittelbar zu Erlebnis gemacht zu haben ist das Verdienst Wickhams und seiner Sänger; den von ihnen souverän verwirklichten Ockeghem-Belegeinspielungen, die nun in einer Fünf-CD-Box erhältlich sind, kommt daher höchste Bedeutung zu.

Michael Wersin, 23.06.2007



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