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Luigi Nono

A Trail On The Water. Abbado - Nono - Pollini

Maurizio Pollini, Experimentalstudio des SWR u.a., Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado

TDK/Naxos DVWW-DOCNONO
(76 Min., 8/1999, 2001) 1 DVD

Stille ist nicht ereignislos. Stille kann rasend machen, Konturen und Ohren schärfen. Und Stille konnte für den italienischen Komponisten Luigi Nono sogar das menschliche Denken aufwecken. Gerade in diese Grenzbereiche arbeitete sich Nono ab seinem Streichquartett "Fragmente - Stille" 1979/80 vor, 1985 lotete er mit der hochkomplexen "Tragedia dell' ascolto" ("Tragödie des Hörens") riesige Klangräume aus. Stille - das ist auch ein zentraler und immer wiederkehrender Begriff in den Gesprächen gewesen, die die Filmemacherin Bettina Ehrhardt mit Claudio Abbado und Maurizio Pollini führte. Anlässlich des Nono-Porträts "A Trail on the Water" ("Eine Kielspur im Meer"), bei dem die jahrzehntelange Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten, dem Dirigenten und dem Pianisten der Dreh- und Angelpunkt ist. Schon zu Beginn der 1970er Jahre machten sich die drei Musiker mit ihrem unterschiedlich geeichten, linken Gewissen auf, die Welt zu verändern. Mal mit Protestnoten gegen den Vietnamkrieg, mal mit dem Musikfest "Musica/Realità", das in Fabrikhallen stattfand und bei dem die Arbeiterklasse an die Neue Musik herangeführt wurde. Mit am Puls der turbulenten Zeit war schon damals der Musikjournalist Wolfgang Schreiber, den die Regisseurin nun als Co-Autoren gewinnen konnte.
Dabei will der Dokumentarfilm, dessen Titel aus einem von Nono geschätzten Gedicht Antonio Machados stammt, gleich ein dreifaches Kunststück schaffen. Mit den Erinnerungen von Abbado und Pollini an den gemeinsamen Freund bekommt man einen Einblick in eine wild rumorende Epoche, in der Musik und Politik untrennbar miteinander verbunden waren. Und in Probenmitschnitten aus der Berliner Philharmonie und aus dem Salzburger Mozarteum, wo Pollini das ihm gewidmete Stück "... sofferte onde sirene ..." spielte, erhält man einen exemplarischen Schlüssel, um sich dem expressiven und herausfordernden Werk Nonos zu nähern. Wenn dazwischen jedoch die Kamerafahrten durch Nonos Geburtsstadt Venedig den Zuschauer in Gassen und versteckte Kanäle, auf Marktplätze und in den Markusdom mitnehmen, hat das lediglich touristischen Reiz. Der aus Werken Nonos zusammengestellte Soundtrack ist eher ein bemühter als geglückter Versuch, den musikalischen Geist mit dem architektonischen zu verzahnen. "A Trail on the Water" ist aber mehr als nur ein von nostalgischem Pathos unbeeindruckt gebliebener Rückblick. Danach begreift man, wie arm die aktuelle Musikszene an solchen couragierten Köpfen ist. Helmut Lachenmann oder ein inzwischen 80-jähriger Klaus Huber - das ist nun wirklich zu wenig.

Guido Fischer, 25.02.2006



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