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Arvo Pärt

Berliner Messe, Magnificat, Summa u.a.

Elora Festival Singers, Elora Festival Orchestra, Jurgen Petrenko, Noel Edison

Naxos 8.55 7299
(52 Min., 5/2003) 1 CD

Arvo Pärts Tintinnabuli-Stil, kreiert nach schöpferischer Pause im Jahre 1976 und seither gemeinsame Grundlage der geistlichen Vokalwerke des Esten, ist den einen eine Erleuchtung und den anderen ein Gräuel. Es handelt sich, grob gesagt, um das weiträumige Verweilen bei einem einzigen Akkord, dessen Dreiklangstruktur immer wieder durch diatonische Dissonanzen angereichert wird. Die einzelnen Stimmen des Ensembles wechseln zwischen den Tönen des Klanges, dabei teilweise große Sprünge ausführend, oder Pausieren und treten wieder neu hinzu; auf diese Weise ergibt sich ein permanentes Changieren auf der Basis einer über lange Strecken gleichen Harmonie, fortschreitend in variablen, aber einfachen Rhythmen unter Aneinanderreihung eher kurzer unregelmäßiger Phrasen. Ziel dieser gleichzeitig äußerst redundanten und im Detail doch auch (der Syntax des vertonten Textes gemäß) differenzierten Kompositionstechnik ist u. a. die Erzeugung einer meditativen Stimmung sowie das Erlangen eines hohen Grades an Objektivität, durch den die vertonten geistlichen Texte in zeitloser, überpersönlicher Gestalt auf den Hörer wirken; als konzeptionelles Vorbild dafür kann zweifellos der gregorianische Choral gelten.
Pärts Berliner Messe, entstanden 1990/91 für den 90. Deutschen Katholikentag, ist (neben der Johannespassion) eines der umfangreichsten Werke in der beschriebenen Stilistik; zum Chor treten hier Streicher, deren Part sich teilweise auch im Flageolett bewegt. Pärt vertonte neben den fünf Sätzen des Ordinariums noch die beiden Alleluias und die Sequenz des Pfingstfestes. Die Elora Festival Singers und ihr Orchester interpretieren die Messe mit großer Ruhe und Entspanntheit. Der Vortragsduktus ist, der durchsichtigen Faktur der Musik gemäß, angenehm entspannt und flexibel an der Textdeklamation orientiert (wodurch sich diese Aufnahme von der wuchtigeren, stärker in den Hall der Aufnahmelokalität gebetteten und dadurch hinsichtlich des Höreindrucks "entfernteren" Einspielung unter Kaljuste (ECM) unterscheidet). Kleinere sängerische Unsauberkeiten hier und da in exponierter Diskantlage oder bei offen liegenden weiten Sprüngen trüben ab und zu das Bild.
Einige kleinere Werke ergänzen das Programm sinnvoll und zeigen das Panorama der Möglichkeiten des Tintinnabuli-Stils: Eindrucksvoll u. a. die atmosphärisch dichte Vertonung des Psalm 129 (De profundis clamavi) für Männerchor, Orgel und Schlagzeug, bei der auf dieser CD trotz überzeugender Klangkultur die oben erwähnten Intonationsschwierigkeiten leider gehäufter auftreten.

Michael Wersin, 20.11.2004



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