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Giovanni Battista Pergolesi

Stabat Mater, Salve Regina

Jörg Waschinski, Michael Chance, Kölner Kammerorchester, Helmut Müller-Brühl

Naxos 8.55 1221
(57 Min., 11/2003) 1 CD

Pergolesis Stabat Mater, der Geniestreich eines moribunden 26-Jährigen, fasziniert seit seiner Komposition in Pergolesis Todesjahr 1736 ungebrochen seine Hörer. Als es entstand, wies es mit erstaunlicher Klarsicht auf die frühklassische Stilistik voraus: Reduktion des Satzes bis zur Zweistimmigkeit, häufige wörtliche Wiederholung kurzer melodischer Bausteine und tendenzielle Emanzipation der musikalischen Ebene aus ihrer Affektgebundenheit zwecks Entfaltung eigener, immanenter Gesetzmäßigkeiten sind Stichworte, mittels derer die geradezu schockierende Wirkung des Stücks auf die Zeitgenossen nachvollziehbar wird. Ein Vergleich mit Alessandro Scarlattis ganz der barocken Stilistik verpflichteten Stabat Mater, entstanden zwölf Jahre früher im Auftrag derselben Bruderschaft für exakt dieselbe kleine Besetzung (Sopran- und Altsolo, Streicher), macht den Paradigmenwechsel übrigens unmittelbar anschaulich.
Was kann eine Neueinspielung des äußerst stark und in allen aufführungspraktischen Schattierungen im Schallplattenkatalog repräsentierten Stabat Mater bringen? Der Beihefttext weist u. a. auf die selten zu erlebende originale Besetzung mit zwei Männerstimmen hin, wobei heutzutage auch im Falle der Sopranpartie nicht mehr zum Messer gegriffen werden muss: Jörg Waschinski ist einer der immer noch wenigen Männer, die ihren Stimmbandrandklang bis in die hohe Frauenstimmenregion auszuweiten vermögen. Waschinski tat dies in früheren Aufnahmen oft mit starker Beeinträchtigung der Intonationsreinheit; dieses Problem scheint er erfolgreich in den Griff bekommen zu haben, so dass der Hörer sich nunmehr ungetrübt an Waschinskis strahlend-klarer, durchschlagskräftiger, allenfalls beim Trillern in hoher Lage gelegentlich etwas aus der Bahn geratender Stimme erfreuen kann. Michael Chance hingegen hat schon seit längerer Zeit mit dem Nachlassen der einstigen Brillanz seiner Altstimme zu kämpfen: Der Klang ist stumpfer und dicklicher geworden, und aufgrund nicht mehr vorhandener Flexibilität kommt es nun bei ihm dann und wann zu Intonationsproblemen. Helmut Müller-Brühl und sein Kölner Kammerorchester gestalten den Orchesterpart souverän im Spannungsfeld zwischen nahe liegender Nüchternheit und angemessener Eleganz, dabei die einstmals revolutionäre Tonsprache des frühvollendeten Meisters überzeugend zum Erlebnis machend. Insgesamt jedoch kann die im Beihefttext behauptete Besonderheit dieser Aufnahme in punkto klangliche Herbheit und Ansiedelung zwischen Rationalität einerseits und schwärmerischer Rundung andererseits nicht ganz nachvollzogen werden: Dies leistet z. B. Christophe Roussets Einspielung mit Bonney und Scholl nicht minder, allerdings auf etwas einheitlicherem künstlerischen Gesamtniveau.

Michael Wersin, 05.06.2004



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