Viele Wunderlich-Fans werden lange darauf gewartet haben: Der ORF-Mitschnitt der "Palestrina"-Premiere am 16. Dezember 1964 an der Wiener Staatsoper war bisher (zumindest offiziell) nicht greifbar, ist aber im Rahmen des Wunderlich-Nachlasses ein eminent wichtiges Tondokument - nicht nur, weil es sich dabei um die letzte Rolle handelt, die Fritz Wunderlich neu einstudiert hat (er verunglückte 1966 tödlich).
Hans Hotter, der mit der Inszenierung des Wiener "Palestrina" beauftragt worden war, fand zunächst nicht viel Anklang mit seinem Besetzungsvorschlag für die Hauptrolle in Pfitzners monumentaler Oper: In Wien war die Erinnerung an Julius Patzak und andere hoch verehrte Interpreten dieser Partie noch allzu frisch, als dass man sich einen vierunddreißig Jahre jungen Sänger in der Rolle eines gealterten, müden und enttäuschten Meisters der Vokalpolyfonie hätte vorstellen können. Wunderlich selbst reagierte ebenfalls zögerlich, denn er wollte nicht den Eindruck erwecken, seine besten Jahre hinter sich zu haben und ins Fach des altersweisen Charakterdarstellers überzuwechseln.
Der Premierenmitschnitt einiger bedeutender Szenen aus dem ersten und dem dritten Akt beweist augenblicklich, dass es eine überaus glückliche Entscheidung war, Wunderlich mit dieser Rolle zu betrauen: Es ist faszinierend anzuhören, wie intensiv er sich in den müden, alten Komponisten hineinversetzt hat. Verhaltene, liedhafte Töne überwiegen weitgehend in diesen Ausschnitten. Mit beeindruckender Reife präsentiert Wunderlich sich als das Gegenteil des selbstverliebten Belcantisten ohne Tiefgang, als der er immer wieder verunglimpft worden ist. Vielmehr gelingt ihm mit vorweggenommener Altersreife die fesselnde Verwirklichung einer der anspruchsvollsten Opernpartien des 20. Jahrhunderts.

Michael Wersin, 09.08.2001



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