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Francis Poulenc

Musique pour chœur a cappella

RIAS Kammerchor, Daniel Reuss

harmonia mundi HMC 901872
(53 Min., 9/2004) 1 CD

Bereits im Jahre 1989 hat der RIAS-Kammerchor, damals noch unter der Leitung von Marcus Creed, Francis Poulencs aberwitzig schwierige A-Cappella-Kantate "Figure humaine" nach Texten von Paul Eluard eingespielt, und schon diese ältere Aufnahme zählt zu den wenigen empfehlenswerten unter den insgesamt nicht sehr zahlreichen Versionen. Nun legt das Ensemble, mittlerweile unter Leitung von Daniel Reuss, das Werk im Rahmen eines Poulenc-Programms noch einmal vor, und tatsächlich ist es gelungen, sich in mancher Hinsicht zu steigern: Noch runder und wärmer präsentiert sich heute der Chorklang, noch plastischer und tiefenschärfer wurde diesmal stellenweise die Partitur umgesetzt, und im berühmten Finale "Liberté" agieren die hohen Soprane anstrengungsfreier als 1989. Aber wie schade: Dieser ganze letzte Satz strebt mit zunehmender Erregung auf einen über vier Oktaven gespreizten exstatischen E-Dur-Schlussakkord zu, an dessen Spitze ein dreigestrichenes E steht – und gerade diese phänomenale Klimax, dieses rückhaltlos begeisterte Bekenntnis zur Freiheit ist in der Neuaufnahme recht lau geraten, weil eben jener Spitzenton allzu sehr im Hintergrund gehalten wurde. Bei einem so extremen Stück, entstanden und heimlich verbreitet im Zweiten Weltkrieg, vornehme Zurückhaltung zu üben, scheint doch übertriebener Ästhetizismus: Dieser Schlussklang muss ein Schrei sein! Es empfiehlt sich dem erlebnishungrigen Hörer daher nicht, die diesbezüglich weitaus besser gelungene erste Einspielung außer Acht zu lassen oder, falls er sie besitzt, sie in die zweite Reihe des Regals zu verbannen.
Ansonsten gibt es nicht viel zu mosern, ganz im Gegenteil: Die Männer gestalten die "Quatre petites prières de saint François d’Assise" überaus homogen und wohlklingend; besonders die hohen Tenöre verzaubern mit ihrem einschmeichelnd weichen Timbre. Insgesamt ist die vorliegende Einspielung dieses Werks eine echte, insgesamt gleichwertige Alternative zur zeitgleich erschienenen Aufnahme von The Gents (Channel Classics/harmonia mundi), die, durchaus auch beeindruckend, eher gern einmal mit geballter männlicher Kraft strotzen. Ein Höchstmaß an Ensemble-Kultur bietet der RIAS-Kammerchor auch in den "Sept Chansons" nach Apollinaire: Wie aus einer Kehle beginnen die Männer den dritten Satz, nahtlos gesellen sich die Frauenstimmen der sich aufbauenden Klangwalze bei; absolut reibungsfrei gelingen danach die ausgesprochen heiklen Übergänge. Kurzum: Allenfalls vielleicht ein bisschen anders könnte man es machen, aber – abgesehen vom Figure-humaine-Schluss – besser sicherlich nicht.

Michael Wersin, 16.07.2005



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